Helden einer neuen Ära

Max Heine-Geldern SJ

Die eigene Größe im Dienst am Kleineren entdecken.

In jenen Tagen gab es auf der Erde die Riesen, und auch später noch, nachdem sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern eingelassen und diese ihnen Kinder geboren hatten. Das sind die Helden der Vorzeit, die namhaften Männer.
Gen 6,4

 

Herbst 2020 bildet für zwölf Jugendliche den Beginn einer neuen Ära. Mit ihren gut vierzehn Jahren sind sie zu Leitern von sechs Gruppen zu je fünfzehn Zehnjährigen gewählt worden. Aus 60 Bewerber und Bewerberinnen wurden jeweils sechs Mädchen und Burschen von ihren früheren Gruppenleitern gewählt. Neben den wöchentlichen Gruppenstunden haben sie sich bereit erklärt, regelmäßige Aus- und Fortbildungen zu besuchen, Übernachtungswochenenden und Sommerlager zu organisieren und durchzuführen. Etwa die Hälfte ihrer Ferienzeit stellen sie damit zur Verfügung. Zu den beiden großen Einstiegsausbildungen gehören die jeweils einwöchige Grundschulung (GruSchu) und die Leadership Academy.

Die GruSchu bildet das Herzstück der Ignatianischen Schüler*innen Gemeinschaft (ISG) am Berliner Canisius Kolleg. Trotz ihres hohen Anspruchs erfreut sie sich großer Beliebtheit. Für gut fünf Tage schweigen die Teilnehmenden, beziehen Einzelzimmer und setzen sich mit ihren eigenen Biographien, ihren Wünschen, Sehnsüchten und Träumen auseinander, blicken ihren Schwächen und dem Leid im näheren Umfeld sowie in der Welt ins Gesicht, feiern Versöhnung, lernen Feedback Kultur kennen und reflektieren ihre Beziehung mit Gott. Die Grundstruktur der GruSchu orientiert sich an den Exerzitien des heiligen Ignatius, die das Herzstück der Jesuiten bilden. Nur wer sich selbst gut kennt, kann Verantwortung für andere übernehmen.

Aufbauend auf diese „soft skills“ Ausbildung wird den frisch gewählten GruLeis in der Leadership Academy ein Werkzeugkoffer voller hilfreicher „hard skills“ übergeben. Zunächst blicken die Zwölf auf die Motivation ihrer Kandidatur. Neben den positiven Erfahrungen und Vorbilder ihrer eigenen GruLeis und den viel erlebten Spaß, werden auch Motive wie Anerkennung oder „weil die ältere Schwester auch GruLei ist“ genannt. Anschließend werden gemeinsam die Fähigkeiten des „idealen Gruppenleiters“ erarbeitet, der Orientierung geben soll. In den darauffolgenden Tagen tauchen sie ein in die Charakteristika der unterschiedlichen Phasen sowie der Vielfalt von Rollen innerhalb einer Gruppe – vom Anführer über den Mitläufer zum Sündenbock – die ihre Schützlinge einnehmen oder von anderen überstülpt bekommen. Nebenbei wird ihnen die positive Bedeutung von Konflikten und die Vielfalt von Lösungsansätzen vermittelt. Sie reflektieren die Vor- und Nachteile verschiedener Führungsstile, studieren ihre gesetzlichen Rechte und Pflichten und erhalten eine Einführung in die Prävention von sexualisierter Gewalt.

Es sind zwei intensive Wochen, deren Struktur über die letzten beiden Jahrzehnte in der ISG gewachsen sind. Neben der Förderung der Persönlichkeitsentwicklung der GruLeis dienen sie auch zu deren Schutz sowie zum Schutz der ihnen anvertrauten Jugendlichen, für die sie in den kommenden Jahren zu Helden mutieren werden. Doch sollen sie sich wesentlich von jenen Helden der Vorzeit unterscheiden, die wie ihre biblischen Vorgänger sich selbst zu unantastbaren Göttersöhnen erhoben hatten. Anfang 2010 kam am Canisius Kolleg deren jahrelanger Machtmissbrauch ans Tageslicht. Eine Sintflut des Entsetzens, der Scham und der Kirchenaustritte führte zu einer notwendigen, fortdauernden Reinigung.

Für die heutigen GruLeis sollen die kommenden fünf Jahre eine Ära werden, in der sie ihre Größe im heldenhaften Dienst an den Grüpplingen entfalten können.