Großer Auftrag, erfolgreiche Ausführung

Josef Steiner

Manchmal gelingt es, eine schwierige Aufgabe zu lösen. Wo hatte ich den Mut dazu?

Vom Vater bin ich ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.
Joh 16,28

Rabbi Israel ben Elieser, geboren im Jahre 1700 in Mesbiz in Polen, war in seiner Jugend Schulwart, Kinderlehrer, Schächter und Fuhrmann. Eines Tages hörte er – so schildert Martin Buber den Ruf des Rabbis zu einer neuen Aufgabe – vom Himmel her eine Stimme, dass er der Führer Israels sein solle. Da ging er zu seiner Frau und sprach zu ihr: „Wisse, es ist über mich verhängt worden, das ich der Führer Israels sein soll.“ Sie sagte zu ihm: „Was sollen wir tun?“ Er antwortete: „Wir sollen fasten.“ Sie fasteten drei Tage und drei Nächte ohne Unterbrechung, und einen Tag und eine Nacht lagen sie auf der Erde mit ausgestreckten Händen und Füßen. Am Ende des dritten Tages hörte Israel ben Elieser einen Ruf von oben: „Mein Sohn, geh und führe das Volk!“ Er stand auf und sprach: „Ist es der Wille Gottes, dass ich Führer sei, so muss ich es auf mich nehmen.“ Ein Ruf, eine Berufung mit Erfolg. Rabbi Israel ben Elieser bekam den Ehrentitel „Baal-Schem-Tow“, „Meister des guten Namens“ und wurde der Gründer und Motor des Chassidismus, jener Bewegung, die im osteuropäischen Judentum inmitten großer Armut, angegriffen und belächelt von intellektuellen Aufklärern, allein durch ihr Ernstnehmen der Bibel über fünf Generationen lang die Lust am Leben und die Freude an der Welt am Brennen hielt. Und zwar derart, dass Singen, Tanzen und Mettrinken zu Kennzeichen der Bewegung wurden.

Jesu Aufgabe war noch schwieriger als die des Rabbi Israel ben Elieser. Aus dem Buch, mit dem er Schreiben und Lesen lernte, das seinen Wortschatz, seine Erzählkunst, sein Gedächtnis und seine Fantasie prägte, das ihn in die Gebets- und Lerngemeinschaft seiner Familie und seines Volkes hineinnahm und das er als Geschenk des Himmels und als verdichtetes Wort Gottes ehrte – aus diesem Buch hörte er eines Tages die Stimme: Behalte mich nicht für dich, für deine Familie, für dein Volk! Gib dein und deines Volkes Lebensbuch weiter. Lass die therapeutische Kraft, die es birgt, und das Menschenbild, das es prägt, auch nichtjüdische Menschen erleben. Darum wurde es immer mehr Jesu Arbeit, auf Fremde zuzugehen. Dem römischen Hauptmann den todkranken Diener zu heilen, der durch eine schwer erziehbare Tochter gestressten syro-phönizischen Mutter die familiäre Belastung zu nehmen, mit einer samaritischen Frau ein Glaubensgespräch zu führen. Immer stärker öffneten sich Jesus und seinem Wort fremde Welten, suchten Römer und Griechen seine Gegenwart. Er kam mit seinem Anliegen und seinem Programm in deren Welt an. Und zwar derart, dass er am Ende seines Lebens selbstbewusst sagen konnte: „Vom Vater bin ich ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“ Der Auftrag war groß, die Ausführung erfolgreich. Jesus hat die Worte seines Vaters im Himmel in fremde Welten gebracht und kann jetzt zum Vater, in die Bibel, zurückkehren. So ist es dann auch gekommen. Sein Leben und sein Werk werden der Bibel hinzu gefügt als Neues Testament.