Gott eine Chance geben

Ruth Zenkert

Was bringe ich ein? Woraus kann der Auferstandene das Neue, das Überraschende, das Große, das Wunder wirken?

Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt!

Joh 21,10

Immer wenn ich die Zufahrtsstraße nach Hosman passierte, stand am Wegrand ein großer, kräftiger junger Mann und schaute. Er grüßte, hatte aber keine Lust, sich in ein Gespräch verwickeln zu lassen. Manchmal sah ich ihn auch weit draußen an der großen Hauptstraße. Dann ging er mit schnellem Schritt, blickte auf den Boden und schaufelte mit den Armen weit nach vorn und zurück. Eines Tages hielt uns sein Vater auf mit dem Anliegen, in seinem Häuschen ein Zimmer anzubauen. Sein Sohn Nicu sei schizophren und sehr gefährlich. Er könne nicht mit ihnen im gleichen Zimmer wohnen. Wenn er einen Anfall bekomme, schlage er alles kurz und klein. Seine Frau fürchte sich. Wir gingen mit dem Vater in das kleine Häuschen. Da saß der kräftige junge Mann, den ich von der Straße kannte, und schrieb. Wir fragten ihn, was er schreibe. Die Mutter fuhr sofort dazwischen: Nur Blödsinn. Wir schauten auf den Zettel. In gleichmäßigen Zügen waren dort viele Kringel und Bögen aufgezeichnet, die wie eine Mischung von georgischer und hebräischer Schrift aussahen. Er las uns vor, was er geschrieben hatte, und folgte beim Lesen mit dem Finger den einzelnen Buchstaben: Von der Erschaffung der Welt, von Gott, über die Worte, wie sie sich in der Schöpfung formten. Nicu fragte, ob er von uns Stifte und dicke Hefte zum Schreiben bekommen könne. Die Mutter stöhnte: Wenn er Papier hat, schreibt er den ganzen Tag diesen Blödsinn, bis zum letzten Millimeter. Er habe einmal gearbeitet, hier im Dorf und in Spanien, dann in Deutschland. Von dort sei er verrückt zurückgekommen. Seither schreibe er nur noch und mache Probleme. Er rauche hier im Zimmer und gehe nicht mal für seine Notdurft hinaus. Und nun insistierte der Vater: Baut uns ein Zimmer für Nicu! Doch dafür sahen wir keine Notwendigkeit.

Eines Tages stand vor dem Haus eine Palette mit Ziegeln, ein unausgesprochener Befehl an uns. „Ihr braucht kein Extra-Zimmer für Nicu“, sagten wir den Eltern. „Ihr müsst euch nicht vor ihm fürchten.” Immer wieder besuchten wir den kräftigen Burschen, er begann von sich zu erzählen und fragte jedes Mal nach neuen Heften. Oft las er aus seinen Büchlein vor, Phantasiegeschichten, die er in seine Aufzeichnungen verwoben hatte. Es gab keinen schizophrenen Anfall mehr. Die Mutter verlor ihre Furcht. Der Sohn blieb bei den Eltern wohnen. Und eines Tages waren die Bausteine wieder von der Straße verschwunden.

Das Wunder setzt im Alltäglichen an. Die Schüler Jesu haben zwar schon gelernt, Menschen zu fischen, doch ihren Brotberuf üben sie weiterhin aus, um ihre Schule und ihre Familie zu ernähren. Ihr alltägliches Tun und was sie mit Mühe erreicht haben, nimmt Jesus auf. “Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt!”

Ostern setzt im Alltag an. Was bringe ich ein? Woraus kann der Auferstandene das Neue, das Überraschende, das Große, das Wunder wirken?