Goldwertes Unterscheiden

Max Heine-Geldern SJ

Über Umwege lernen, der inneren Freude Raum zu geben.

„Der Name des ersten [Flusses] ist Pischon; er ist es, der das ganze Land Hawila [mäanderförmig] umfließt, wo es Gold gibt. Das Gold jenes Landes ist gut; dort gibt es Bdelliumharz und Karneolsteine.“
Gen 2,11f

Inigos Weg war alles andere als geradlinig. Bis zu seinem 26. Lebensjahr war er ein eitler Pfau, der der Frauenwelt verfallen war und von großen Taten schwärmte. Als Held wollte er sich gegen eine französische Übermacht behaupten. Anstatt die Waffen zu strecken sprachen die Kanonen. Eine Kugel zertrümmerte sein Bein und damit seinen Lebensplan. Anstatt ritterlich für die Ehre seiner Königin zu kämpfen, war er Monate lang ans Krankenbett in seinem heimatlichen Wohnturm gebunden. Außer frommer Literatur gab es kein Buch im Haus. Seine geliebten Ritterromane durchlebte er nurmehr in seiner reichen Phantasie. In ähnlicher Weise aber konnte er sich auch auf die neue Lektüre einlassen. Egal ob nun als edler Ritter oder als asketischer Heiliger, er blieb der Held der Geschichte. Doch mit der Zeit entdeckte er einen kleinen Unterschied. Beide Varianten unterhielten ihn. Aber während die Rittergeschichten ihn mit einer gewissen inneren Leere zurückließen, fühlte er nach den Heiligenerzählungen für längere Zeit eine tiefe Freude. Anscheinend machte es einen Unterschied, ob er sein Leben auf die Königin oder auf Gott ausrichtete. Dieser Freude wollte er mehr Raum geben. Sobald er wieder gehen konnte, wechselte er seine edle Kleidung gegen einen löchrigen Sack. Mit seiner typischen Radikalität ahmte er die Heiligen nicht nur nach, sondern versuchte sie auch noch zu übertreffen. Er verabscheute sein früheres Leben, geißelte sich täglich, war dem Selbstmord nahe. Mit seinem Selbsthass erhoffte er sich die Liebe Gottes zu erkämpfen. Von der anfänglichen Freude spürte er nichts mehr, blieb aber trotzdem auf Kurs. Mitten in diesem Strudel des Selbstzweifels brach eine segensreiche Erkenntnis durch, die ihm große Klarheit schenkte. Seit diesem Moment am Fluss Cardoner nahm sein Leben erneut eine Wendung, denn er wurde sich der lebensspendenden Gegenwart Gottes bewusst. Er musste sich die Liebe Gottes nicht erst erkämpfen, sondern lernen, sich in ihr treiben zu lassen. Auf diesem geistlichen Weg lernte er, dass Gottes Weg weniger einem geradlinigen, klar eingefassten Kanal glich, sondern mehr einem mäanderförmigen Fluss. Ähnlich schlängelte sich sein äußerer Weg quer durch das Weltgeschehen. Von Barcelona zog es ihn nach Jerusalem. Kaum hatte er dort den Fuß ans Land gesetzt, musste er es wieder verlassen. Er begann in Alcalá und dann in Salamanca zu studieren, doch kirchlicher Widerstand führte ihn zum Theologiestudium nach Paris. Von hier aus machte er sich mit seinen neu gewonnenen Freunden wieder Richtung Jerusalem auf. Aber in Venedig platzte auch dieser zweite Versuch und führte die Gruppe nach Rom, wo sie sich als Gemeinschaft mit dem Namen „Gesellschaft Jesu“ dem Papst zur Verfügung stellte.
Was am Krankenbett mit der Beobachtung der verschiedenen Nachgeschmäcker seiner Phantasieabenteuer begonnen hatte, wurde für ihn zum feinen Werkzeug der Unterscheidung innerer Regungen, um immer klarer Gottes Spur in allen Dingen zu entdecken und sich danach zu orientieren. Diese Erfahrungen bündelte er in einem kleinen Büchlein: Die geistlichen Übungen. Es ist goldwert.

So wurde sein Leben wie der Fluss Pischon zum Ausdruck der überfließenden Liebe Gottes, die nicht nur den Garten Eden bewässern möchte, sondern darüber hinausfließt und sich mäanderförmig in die ganze Welt verzweigt. Heute begleiten mehrere tausend Jesuiten weltweit Menschen dabei, ihrer inneren Freude immer mehr Raum zu geben.