Gewimmel

Max Heine-Geldern SJ

Von den Irrungen und Wirrungen der Menschheit zur Hommage an die Schöpfung

Bring mit dir alles Lebendige heraus, von allen Wesen aus Fleisch, was da ist an Vögeln, Vieh und allen Kriechtieren, die sich auf der Erde regen! Auf der Erde soll es von ihnen wimmeln; sie sollen fruchtbar sein und sich auf der Erde vermehren.
Gen 8,17

Es wimmelt. Einem Ameisenhügel gleich. Überall ist Bewegung. Die Leitern rauf und runter. Wer stehen bleibt, stürzt und reißt andere mit sich. Tausende von Gestalten graben in der Erde. Sklavenarbeit? Nein, es sind freie Menschen – Fabriksarbeiter, Anwälte, LKW-Fahrer – getrieben von der Sehnsucht nach Reichtum. Wer auf eine Goldader in der Serra Pelada Mine stößt, wird zu deren Besitzer. Was diese Verheißung aus den Menschen macht, wie er in der Masse vereinsamt, ums Überleben ringt, im anderen den Feind seines Glücks erkennt, all diese Verfremdungen sprechen aus den schwarzweiß Fotographien des brasilianischen Meisters Sebastião Salgado. Der Regisseur Wim Wenders eröffnet mit ihnen seinen Film „Das Salz der Erde“ über diesen tiefsinnigen Mann hinter der Kamera, der bald nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften seinen Kontinent erkundet und damit eine lange Entdeckungsreise in die Seele des Menschen beginnt. Mit den unterschiedlichsten Völkern teilt er ihren Alltag und hält ihn mit seiner Kamera fest. Der Film ist eine Aneinanderreihung seiner Bilder, unterlegt mit seinen Erzählungen. Seine Worte unterstreichen seine berührende Beobachtungsgabe, die in den Fotographien so greifbar ist. Er nimmt wahr, beschreibt, verzichtet auf Wertung. Taucht ein in das Geschehen, in deren Lebenswelt. Skizziert Schatten und Licht der Menschen, mit denen er unterwegs ist. Bald führen ihn seine Reisen nach Afrika mit Ärzte ohne Grenzen. Seine Aufnahmen der Hungerkatastrophe in der Sahel Zone gehen um die ganze Welt, wie jenes eines Vaters, der sein totes Kind nach koptischen Ritus mit Wasser reinigt, obwohl es wertvoller als jegliches Gold ist. Salgado zieht es weiter. Fünf Jahre lang reist er um die ganze Erde und dokumentiert in seinem Bildband „Workers“ die Auswirkungen des Industriellen Zeitalters. Mitten im zweiten Irakkrieg begleitet er kanadische Feuerwehrleute, die versuchen die von Saddam Husseins Soldaten in Brand gesetzten Ölfelder in Kuweit zu löschen. Von Kopf bis Fuß mit dem schwarzen Gold verschmierte Gestalten stehen, liegen oder laufen vor gewaltigen Feuerkulissen. Man fühlt sich mitten in Dantes Inferno versetzt. Die teuflischen Auswüchse des Menschen erlebt Salgado von 1993 bis 1999. Für den Bildband „Migration“ begleitet er Menschen auf der Flucht vor Naturkatastrophen und Krieg. Er reist in die unterschiedlichsten Kriegsgebiete, von Bosnien bis Ruanda. Diese Einblicke verzerren ihn. Seine Seele erkrankt. Sein Glaube zerbricht. Seine Hoffnung an die Menschheit verfliegt.
Es ist seine Frau Lélia, die ihn auffängt. Über all die Jahre hat sie die Galerien und Bildbände kuriert, unterstützte all seine Reisen. Nun führt sie ihn zurück an seinen Geburtsort. Mitte der 90er hatten sie widerwillig die Hazienda seines Vaters übernommen. Die Rinderwirtschaft hatte den Wald verdrängt. Der Boden war erodiert. Die Farm war zu einer Wüste verkommen.
Mit einer großen Vision und mühsamster Kleinarbeit beginnt das Ehepaar mit 300 verschiedenen Baumarten die Aufforstung. Nach wenigen Jahren wimmelt es wieder von Käfern, Vögel und Schmetterlinge. Heftige Regenfälle führen nicht mehr zu Sintfluten, sondern werden vom Boden aufgenommen. Die Selbstheilung der Natur belebt Salgado mit neuer Lebenskraft. Er kann wieder hinaustreten in die Welt und beginnt mit seiner Kamera die Fruchtbarkeit der Schöpfung zu entdecken. Sein letztes Werk „Genesis“ ist eine Hommage an die Größe der Natur. Eine Erforschung wie Natur und Menschheit an vielen Orten der Welt so lange im ökologischen Gleichgewicht koexistieren konnten. Darin dokumentiert er, wie der Auftrag Gottes an Noach sich entfalten kann „bring mit dir alles Lebendige heraus, damit es sich vermehren kann“.