Gewaltlos. Klug. Mutig

Josef Steiner

Wer auf Gewalt verzichtet, macht sich stark. Und riskiert sein Leben.

Da sagte Jesus zu Petrus: Steck das Schwert in die Scheide! Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat – soll ich ihn nicht trinken?
Joh 18,11

 
Von Rabbi Schlomo von Karlin erzählt Martin Buber in seinen von ihm gesammelten und vom Manesse-Verlag herausgegebenen Chassidischen Geschichten folgende Begebenheit: Rabbi Schlomo reiste einmal mit einem seiner Schüler. Unterwegs verweilten sie ein wenig in einem Wirtshaus, setzten sich an einen Tisch, und der Rabbi hieß Met wärmen, denn er trank gern Met – ein alkoholisches Getränk aus Honig und Wasser gebraut. Währenddessen traten einige Soldaten ein, und da sie Juden am Tisch sitzen sahen, schrien sie sie an, sie sollten sogleich aufstehen. „Ist der Met schon gewärmt worden?“, fragte der Rabbi zum Ausschank hinüber. Ergrimmt hieben die Soldaten auf den Tisch und brüllten: „Fort mit euch oder…!“ „Ist er noch nicht warm?“ sagte der Rabbi. Der Anführer der Rotte zog ein Schwert aus der Scheide und legte es ihm an den Hals. „Allzu heiß darf er nämlich nicht werden“, sagte Rabbi Schlomo. Da zogen sie ab.

Jesus ist kein Softie, weder verbal noch in seinem Verhalten. Er lässt es nicht an Härte, Stärke, Strenge fehlen, vor allem wenn er gutes und gesundes Leben gefährdet sieht. Dann werden Worte aus seinem Mund gezückte Schwerter. Heuchler, Schauspieler, Natterngezücht, blinde Blindenführer nennt er die mit ihm um die von der Religion her verantwortbare Deutung und Gestaltung der Zeit ringenden Verantwortlichen. Menschen niederdrückende und vom Leben fern haltende Dämonen fährt er an: Hinaus! Weg mit euch! Verlasst sie! Mit einem aus Hanfstricken geflochtenen Gürtel setzt er im Tempel zu einem Reinigungsprozess an, um zu zeigen, wofür in einem Gotteshaus in erster Linie Platz sein soll. Und für die letzte Etappe ihres gemeinsamen Weges empfiehlt Jesus seiner Elitetruppe, sich mit Geldbeutel und Proviant in den Taschen auszurüsten und die Mäntel gegen Schwerter einzutauschen. Jesus ahnt und sucht die Konfrontation. Und Petrus ist ein guter Schüler seines Lehrers und Meisters. Er wird nicht nur mit Worten der Anführer seiner Schülerinnen und Schüler, sondern beispielgebend auch im Tun. Ein starker Fels, der aus seinen Gefühlen heraus handelt. Kampflos will Petrus den Hoffnungsträger ihrer Bewegung nicht freigeben. Darum schlägt er drein, ein Zeichen der Solidarität, Nähe und Treue, das Jesus freut.

Aber jetzt gilt es Neues zu lernen. In der Nacht des Ölbergs, angesichts staatlicher und religiöser Machtträger und Ordnungskräfte, kommen die Waffen des eisernen Schwerts wie auch die des werbenden und erklärenden Worts an ihre Grenzen. „Steck dein Schwert in die Scheide!“ Es braucht nun die Waffe des Geistes, die Waffe der Gewaltlosigkeit, um dem gewählten Weg treu zu bleiben. Sie ist die stärkste Form des aktiven Kampfes im Festhalten an einem Projekt der Wahrheit und Liebe. Nur Starke wie Jesus können diesen Weg gehen. Nicht resignierend, sondern im Gehorsam. „Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat – soll ich ihn nicht trinken?“ Wer auf Gewalt verzichtet, macht sich stark. Und riskiert sein Leben.