Geschwister

Josef Steiner

Welches Menschenbild leitet mich in der Begegnung mit anderen?

Noach zeugte drei Söhne: Sem, Ham, Jafet
Gen 6,10

Papst Franziskus, ein wahrer Türhüter des Menschenhauses, ein Nachtportier, der die „Schatten an der Wand“ der gegenwärtigen Zeit ernst nimmt und, ausgestattet mit dem Licht des Glaubens und den Schlüsseln des biblischen Menschenbildes, hellwach bleibt. Realistisch sieht und benennt er in seinem neuesten Schreiben „Fratelli Tutti“ die heutigen Plagen der Menschheit, die ein gerechtes und friedliches Miteinander bedrohen. Im Kleinen das Anwachsen eines radikalen Individualismus, der sich in einem fieberhaften Konsum und inhaltslosen Selbsterhaltungstrieb zeigt und zu abgeschotteter Existenz führt. Im Großen die Entwicklung hin zu einer globalen Finanz- und Wirtschaftspolitik, die den Einzelnen immer mehr als Verbraucher und Zuschauer im Blick hat. Im politischen Kräftespiel das Wiedererwachen von „verbohrten, übertriebenen, wütenden und aggressiven Nationalismen“, mit der Errichtung neuer Schranken und Mauern. Und in den neuen digitalen Kommunikationsmitteln eine zunehmend hemmungslose, verrohende Sprache und schamlose Bilder. Alle diese Plagen haben beängstigende Folgen: die Geringschätzung von Werten wie Respekt, Anstand, Rücksicht in den alltäglichen Begegnungen; den Verlust an Sozialempfinden und schicksalhafter Zusammengehörigkeit; den Abschied von großen menschlichen Tugenden wie Solidarität und Subsidiarität; das Entstehen einer Atmosphäre kalter Gleichgültigkeit und Zynismus. Aufrüttelnde Worte eines Rufers in der Wüste.

Dieser Angst machenden und Lähmung erzeugenden Unkultur stellt Papst Franziskus – nicht besserwisserisch und überheblich, sondern voll Sorge zum Dialog einladend – das biblische Menschenbild gegenüber, das er in die Begriffe „Geschwisterlichkeit“ und „soziale Nächstenliebe“ bzw. „soziale Freundschaft“ gießt. Entlang dieser beiden Leitworte meditiert er alle Lebensbereiche der Menschen. Der Papst sagt dabei nichts Neues, aber er sagt Altes mit eindringlicher Intensität. Es geht um die Würde eines jeden Menschen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Religion, der alle gesellschaftlichen Lebensformen gerecht werden müssen. Angefangen von ganz kleinen Dingen – so betont der Papst – wie der Wiederentdeckung der Freundlichkeit in den täglichen Begegnungen über die Öffnung der Herzen und Hände in der Sozialarbeit für den verletzten, armen und heimatlosen Nächsten bis hin zur verantwortlichen Mitarbeit in Politik und Wirtschaft in einer verwundeten Gesellschaft – der Papst nennt es „Ausübung der Nächstenliebe in Makrobeziehungen“. Immer geht es ihm um universale Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft, um eine Menschheitsfamilie, die in Zukunft wieder mehr den Weg vom „Ich“ zum „Wir“, zum gemeinsamen Wohnhaus, zur Schicksalsgemeinschaft beschreiten will. Werbende Worte eines Menschenfreundes.

Die Bibel fasst das Anliegen des Papstes in das Bild der Geschwister, die Noach und seine Frau zeugen. Als Familie überleben sie die Flutkatastrophe. Alle Völker stammen dann aus den Ehen dieser drei Brüder. Welches Menschenbild leitet mich in der Begegnung mit anderen?