Geschaffen für die Liebe

Josef Steiner

Genuss, Lust und Erkenntnis sind ihre Früchte und machen das Leben spannend und tief

Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.
Gen 3,6

Der Gott der Bibel ist ein kluger Pädagoge. In die Mitte all der dem Menschen eröffneten und erlaubten Genusswelten pflanzte er einen Baum, den er durch ein Verbot besonders attraktiv machte, den Baum der Erkenntnis. Warum stellt Gott in die Mitte des Paradieses einen solch faszinierenden Baum und verbietet zugleich den Menschen, von seinen Früchten zu essen? Wollte er durch sein Verbot ein besonderes Interesse daran wecken? Wie auch immer: Es sind die offenen Augen und das suchende Herz der Frau, die die Güter und den Wert dieses Baumes erahnen und entdecken. Der Anblick seiner Früchte weckt den Appetit und macht den Mund wässrig, denn sie schmecken sicher süß. In seiner Pracht sticht der Baum heraus, er ist schön und eine Lust und Freude für die Augen. Und schließlich reizt die Warnung, beim Verkosten seiner Früchte Ungewohntes zu erleben, zum Experiment: Was könnte das Neue sein? Welche Folgen könnte der Genuss haben?

Die Deutung dieses paradiesischen Baumes der Erkenntnis ist vielschichtig. Jede Zeit hat ihre Suchbewegungen und Denkmuster in ihn hineingetragen oder in ihm nach Lösungen gesucht. Weil das hebräische Verbum „erkennen“ auch für die geschlechtliche Begegnung von Frau und Mann verwendet wird, ist es sicher nicht verkehrt, den Baum als Einladung zum Abenteuer der Liebe zu verstehen. Die im paradiesischen Zustand lebenden Kinder müssen den Schritt in die Erwachsenenwelt tun. Es ist die Zeit der Pubertät. In ihr gilt es, dem Geheimnis der körperlichen Liebe auf die Spur zu kommen. Darum stellt die Bibel die Sexualität als etwas Schönes und als Tor zum Erwachsenwerden dar. Sie betont die damit verbundenen Früchte: den Genuss, die Schönheit und den Raum neuer Erlebnisse. Gott sei Dank hat die kluge Frau von den Früchten genossen und sie mit dem Mann geteilt und damit auch ihn in das Abenteuer der Liebe mitgenommen. Und Gott sei Dank, dass auch er aß. Ein wunderbares Bild der Sexualität, fern jeden Sündenfalles. Es ist das Tor zu einem beziehungsreichen und verantwortlich gestalteten Lebens. Leider hat sich die Sexualmoral der Kirche wenig schöpferisch von diesem Bild der Bibel inspirieren lassen.

Warum aber dann das vorausgehende Verbot Gottes? Eine mögliche Deutung: So schön und attraktiv die Entdeckung der Sexualität ist, sie birgt auch viele Herausforderungen. Sexuelle Ausschweifung – jenseits von Genuss, eine die Augen verderbende Pornographie – jenseits von Augenweide, und die Verehrung der Sexualität als oberstes Konsumgut und prägendes Verhaltensmuster – jenseits von Einsicht und Klugheit, das sind die Gefährdungen. Auf sie verweist Gottes Verbot, von den Früchten dieses Baumes zu essen. Der Baum der Erkenntnis, die Sexualität, als Lernort zur Unterscheidung von Erlaubt und Verboten, Gut und Böse, Leben und Tod.