Gerechter Blick

Josef Steiner

Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, werden besonders kritisch beobachtet. Es bedarf des genauen Hinschauens, um ihnen gerecht zu werden.

Deshalb kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: Welche Anklage erhebt ihr gegen diesen Menschen?

Joh 18,29

Rabbi Mendel von Witebsk – so schildert ihn Martin Buber in seinen Chassidischen Geschichten – war von klein an ein „Stenz“, ein junger Mann mit Vorliebe für schöne Kleider, elegante Schuhe, auffallende Frisur. Eine Eigenschaft, die er auch als großer Lehrer und Führer seiner Zeit nicht ablegte. Als er einmal in voller Pracht mit einem Dreispänner bei dem alten Rabbi Jaakob Jossef in Polnoe vorfuhr und ohne jüdische Kopfbedeckung und ohne Gürtel, mit einer langen Pfeife im Mund, das Haus betrat, erwarteten die Schüler des Rabbi, von ihm zu einer spartanischen Lebensweise erzogen, dass er den lässig daherkommenden Gast auf der Stelle hinauswerfen würde. Er aber empfing Rabbi Mendel mit großer Liebe und entließ ihn nach einigen Stunden freundlich. Da fragten die verdutzten Schüler ihren Lehrer: „Was ist an diesem Mann, dass er sich erdreisten durfte, im bloßen Käppchen, in Schuhen mit Silberschnallen und einer langen Pfeife im Mund Euer Haus zu betreten?“ Der Rabbi antwortete: „Ein König, der in den Krieg auszog, barg seine Schätze in sicheren Verstecken. Seine kostbarste Perle aber, an der sein Herz hing, vergrub er in einem Aschenhaufen, da er wusste, dass man sie dort nicht suchen würde. So verbirgt Rabbi Mendel seine große Demut, damit die bösen Gewalten nicht an sie rühren können, im Aschenhaufen der Hoffart.“ Die chassidische Sehschule.

Pontius Pilatus, der zehn Jahre lang als Präfekt die römische Provinz Judäa leitete, gerecht zu beurteilen fällt schwer. Die römische Geschichtsschreibung berichtet nicht viel Gutes über ihn. Die Liste der Vergehen, die ihm vorgeworfen werden, ist lang: harte und grausame Amtsführung, anfällig für Bestechung und Korruption, wiederholte Hinrichtungen ohne juristische Verfahren, persönliche Bereicherung. Andererseits hat demgegenüber sehr früh eine vor allem von Christen vorangetriebene und bis in modernste Pilatus-Romane hineinwirkende Legendenbildung eingesetzt. Die Legende vom guten, nach Wahrheit suchenden und unschuldigen Pilatus, der sich im Prozess Jesu dem Druck des jüdischen Volkes beugt. Das reicht bis zur Sicht des Pilatus als erstem wahren Christen und Märtyrer. Wer hat Recht?

Zwischen Verdammung und Heiligsprechung des Statthalters wählt das Johannesevangelium den Weg der Wahrheit. Es schildert den ersten Auftritt des Pilatus als Machtträger und oberster Richter im Prozess gegen Jesus positiv. Wie sein Untergebener, der Hauptmann von Kafarnaum, weiß Pilatus um die kulturelle Differenz zwischen römischer und jüdischer Welt und verhält sich dementsprechend. Er geht aus sich heraus; er verlässt seinen Machtbereich; er kommt den jüdischen Beschwerdeführern entgegen. Seinetwegen sollen sie nicht von der Mitfeier des kommenden Festes ausgeschlossen werden. Ein einfühlsamer und sympathischer Zug eines politisch Verantwortlichen, der ihn nicht als Monster erscheinen lässt. Nichts Spektakuläres, aber auch nicht zu übersehen. Die biblische Sehschule.