Gerardo Reichel-Dolmatoff und die Würde der indigenen Völker

Dominik Markl SJ

Der österreichische „Vater der Anthropologie Kolumbiens“ hat eine Nazi-Vergangenheit. Wie sollen wir seine Biographie bewerten?

Daraufhin wollte Pilatus ihn freilassen, aber die Juden schrien: Wenn du ihn freilässt, bist du kein Freund des Kaisers; jeder, der sich als König ausgibt, lehnt sich gegen den Kaiser auf.
Joh 19,12

Gerardo Reichel-Dolmatoff (1912-1994) gilt in Kolumbien als Gründungsvater der Anthropologie, während er in seinem Heimatland Österreich weitgehend unbekannt ist. Seine pionierhaften Arbeiten zu den indigenen Völkern Kolumbiens veröffentlichte er in mehr als 30 Büchern und 400 Artikeln. In jahrelangen Feldstudien erforschte er das Volk der Kogi in der Sierra Nevada de Santa Marta an der kolumbianischen Karibikküste. In archäologischen Ausgrabungen gewann er wichtige Erkenntnisse über die frühesten Kulturen Amerikas. 1964 gründete er mit seiner Frau und Berufskollegin Alicia Dussan das erste Institut für Anthropologie Kolumbiens an der Universidad de los Andes in Bogotá. Er erforschte Schamanismus und den Gebrauch von Drogen in den indigenen Kulturen, ihre Medizin, Religion und Weltanschauung. Er bekannte, seine Hochachtung vor den indigenen Menschen und ihren Kulturen sei im Lauf der Jahrzehnte immer weiter gewachsen. Er setzte sich sozialpolitisch für ihre Anerkennung ein und war überzeugt, ihr intellektuelles und ethisches Erbe müsse auf der Suche nach Lösungen für Probleme der Industriegesellschaften ernst genommen werden. Reichel-Dolmatoffs Forschungen wurden international anerkannt. Er war Mitglied der Akademien der Wissenschaften von Kolumbien und der USA, lehrte unter anderem an der University of California und am Nationalmuseum für Ethnologie in Japan.

Doch Reichel-Dolmatoff hatte eine verborgene Vergangenheit. Erst im Jahr 2012, 100 Jahre nach Reichels Geburt, wurden Dokumente zu seiner nationalsozialistischen Vorgeschichte veröffentlicht. Mit vierzehn Jahren kam Reichel zur Hitler-Jugend. Er wurde Mitglied der NSDAP und, 1932-1935, der SS. Nach einer psychischen Krise wurde er aus der SS entlassen. 1937 emigrierte er nach Paris, wo er im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv wurde, und 1939 nach Kolumbien. Viele wichtige Fragen sind noch offen. War Reichel direkt in Verbrechen der SS involviert? Was löste seine Krise aus? Warum emigrierte er?

Wie sollen wir Reichels Biographie bewerten? Was kaum zu einer gerechten Beurteilung hilft, ist das spontane Geschrei der Menge, der Shitstorm in Internet-Blogs. Ohne vertiefte Forschung und ruhiges Nachdenken kein gerechtes Urteil. Tragisch erscheint mir, dass höchst begabte junge Menschen wie Reichel wohl durch Indoktrinierung von Jugend an bis zur Beteiligung an der verbrecherischen SS getrieben werden konnten. Reichel-Dolmatoff hat eine Krise und einen extremen Gesinnungswandel durchgemacht, woraufhin er Jahrzehnte fruchtbarer Forschung für die Anerkennung marginalisierter Völker investierte – im Gegensatz zur nationalsozialistischen Rassenideologie. War dies – psychologisch betrachtet – zwanghafte Kompensation, ausgelöst durch Schuldgefühle seines früheren Lebens? Eine faszinierende Biographie, die besonders in Österreich Beachtung verdient.