Genusswelten

Josef Steiner

Das Erlaubte sehen, schätzen und genießen

Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen.
Gen 3,2

Martin Buber beschreibt als guter Kenner der jüdischen Erneuerungsbewegung des Chassidismus dessen Grundausrichtung als Freude an der Welt, wie sie ist, und als Freude am Leben, wie es ist. Nicht Entsagung, Askese, Fasten, Weltflucht oder sogar Weltverneinung werden als spirituelle Wege in die Tiefe empfohlen. „Alle Freuden stammen aus dem Paradies“, hat sein Gründer gepredigt und damit die vom Schöpfer dem Menschen eröffnete Welt als bleibende Quelle der Freude betont. Die Lust am Leben und an den Dingen dieser Welt führt zu einer vom Glauben gespeisten Vitalität, die ansteckt und begeistert. Eine schöne Szene dieser dem Fasten, dem Entsagen, dem Verbotenen vorausgehenden befreienden Freude wird von Rabbi Baruch von Mesbiz, einem Enkel des Begründers der chassidischen Bewegung, berichtet. Sie spielt sich am Vorabend des Versöhnungstages bei einem gemeinsamen Mahl ab. Der Rabbi teilte unter seinen Schülern Süßigkeiten aus und sprach dabei: „Ich liebe euch so sehr, und was irgend ich in der Welt Gutes weiß, möchte ich euch geben. Haltet euch nur daran, was im Psalm gesagt ist: ,Kostet und merket, dass der Herr gut ist.`Kostet recht, und ihr werdet merken: Wo etwas Gutes ist, ist der Herr.“ Und er stimmte das Lied an: „Wie gut ist unser Gott, wie lieblich unser Los!“ Am Beginn des großen Fasttages der Versöhnung stehen Genuss und Angenehmes.

„Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen.“ Es ist eine Diskussion zwischen zwei ebenbürtigen Partnerinnen, die sich verstehen. Der verführerischen Frage der Schlange, ob Gott, der Schöpfer des Lebens, wirklich ein Gott des Verbotes, der Begrenzung und der Einschränkung sei, antwortet die Frau: Im Gegenteil, Gott hat uns einen Garten mit herrlichen Bäumen gepflanzt, deren Früchte wunderbar schmecken. Eine kluge Frau, die einen Blick dafür hat, welcher Art dieser Gott ist. Ein Gott des Lebens und des Genusses. Einer, der erlaubt, eröffnet, schenkt. Und sie hat Recht behalten. Dieser Gott wird seinem Volk später ein fruchtbares Land geben, damit sie sich an seinen Früchten und an seinem Reichtum erfreuen können. Dieser Gott wird ihnen in der schwierigen Situation des Exils durch begabte Menschen Mut machen, dass sie zurückkehren und wieder Häuser bauen, das Land kultivieren und Weinberge anlegen werden. Die Quintessenz biblischen Gottesglaubens ist im pädagogischen Rat zusammengefasst, freudig jeden Tag sein Brot zu essen und vergnügt seinen Wein zu trinken und mit einer Frau, die man liebt, gemeinsam das Leben zu gestalten. Denn was man tue – so betont der biblische Pädagoge – , habe Gott längst so festgelegt, wie es ihm gefiel. Kein Rat der Resignation oder der unausweichlichen Bestimmung, sondern Ausdruck menschlicher Demut und des Glücks, die Fülle des Erlaubten zu sehen und die Güter des Lebens freudig als Geschenk Gottes genießen zu können. Die Bibel liebt das Leben, sie ist Literatur für das Diesseits, denn im Hades ist kein Genuss zu finden.