Gegen den Zynismus

Ruth Zenkert

Wo hast du etwas zu sagen? Wann musst du Verantwortung übernehmen? Für den Mut, von der Macht Gebrauch zu machen.

Pilatus sagte zu ihnen: Nehmt ihr ihn doch und richtet ihn nach eurem Gesetz!

Joh 18,31a

Ein Schwarm Fliegen schwirrte hoch, als ich in die Hütte schaute. Das aufgeregte Summen legte sich schnell, dann ließen sie sich wieder auf den Gesichtern der Kinder nieder. Keines wachte auf, sie waren es gewöhnt, dass an Augen, Nase und Mund die lästigen Insekten hockten. Wo war die Mutter? Von draußen kam der fünfjährige Antonio, der Älteste, ziemlich verdreckt. Ob sie heute schon etwas gegessen hätten, fragte ich ihn. Er schüttelte den Kopf. Die Mama sei seit gestern im Nachbardorf, der Papa vielleicht bei der Schafherde. Ich schickte ihn Brot und Milch kaufen. Valentina, ein knappes Jahr alt, rührte sich nicht. Es roch furchtbar in der Hütte, und als ich die Wolldecke anhob, sah ich, warum. Wir liefen nach Hause und holten Seife und ein Handtuch. Meine Begleiterin weckte die drei schlafenden Kinder, und wir zogen zum Dorfbrunnen. Dort wuschen wir die kleinen Frösche, die geduldig alles über sich ergehen ließen. Wir wickelten sie in viel zu große Hemdchen und selbst der Bub Darius war glücklich in einem Rock. Das karge Essen verschlangen die Kinder in Windeseile. Valentina war ausgetrocknet und ganz schlapp. Antonio sagte, sie habe ständig Durchfall. Bei der Ärztin im Dorf warteten wir lange vor der kleinen Praxis. Ein kahler betonierter Gang, Sitzplatz war der Rücksitz eines Autos, der ständig umkippte. Die Frau empfing uns mit muffiger Miene und untersuchte Valentina lieblos. Kein Fieber, sie reagiert mit den Augen, Untergewicht – kein Grund zur Panik. Mit einer Probepackung Milchpulver schickte sie uns weg. Da standen wir mit Valentina auf der Straße. Wir informierten das Kinderschutzamt: Hier sind fünf kleine Kinder, ohne Eltern, das Baby braucht sofort medizinische Hilfe! Stunden später kam eine Sozialarbeiterin in hohen Stöckelschuhen zur Hütte der Kinder. Vom Zaun her rief sie: „Was wollt ihr denn? So wie die leben fast alle hier, da müsste ich das ganze Dorf ins Kinderheim mitnehmen. Die Alte soll sich das vorher überlegen, ob sie Kinder macht.“ Und wenn ich Valentina selbst ins Spital brächte? Das habe keinen Sinn, ohne Mutter dürften sie das Kind nicht nehmen. Auch angesichts der fast leblosen Valentina in meinem Arm rührte sich ihr Herz nicht, sie zog wieder ab. Wenn wir sie zu uns nähmen, machten wir uns strafbar, warnte sie uns noch. Wir riefen die Rettung an.

Die Ärztin und die Beamtin nahmen ihre Verantwortung für ein Menschenleben nicht wahr, genauso wenig wie Pilatus. Er war der römische Statthalter der Provinz Judäa zurzeit Jesu und hatte als solcher das Recht und die Macht, ein Todesurteil zu fällen. Er aber wollte sich in die Angelegenheiten der unterdrückten Juden nicht einmischen und schob ihnen den Ball zu. Zynisch, denn sie hatten gar keine Kompetenz zu einem solchen Urteil. Pilatus fand keine Schuld am angeklagten Jesus – und ließ ihn doch kreuzigen.

Zynisch ist es auch, wenn ich Ohnmächtigen die Entscheidung überlasse. Macht haben und sie nicht einsetzen, wegschauen – das ist tödlich.