Gefährlich sind die „Kleinen“

Ruth Zenkert

Wie kann sich der Vater vor seinem schwierigen Liebling schützen? Was kann er in seiner Schwäche noch tun?

Und Noach erwachte von seinem Wein und erkannte, was ihm sein „kleiner“ Sohn getan hatte.
Gen 9,24

„Jetzt bin ich zum Volltrottel erklärt“, klagt Philipp, als er von der Bank kommt. Der Angestellte am Schalter hatte ihn mitleidig angeschaut. Er dürfe ihm kein Geld mehr auszahlen, auf Anweisung der Töchter. In letzter Zeit bemerkt Philipp immer mehr Einschränkungen. Warum kommt die Tageszeitung nicht mehr ins Haus? Er ruft in der Redaktion an. Abbestellt, lautet die Antwort. Er traut sich nicht recht, wagt dann aber doch vorsichtig, die Töchter zu fragen, ob sie wissen, was da vor sich gehe. „Wir wollen nur verhindern, dass du das Geld sinnlos ausgibst. Wir haben das mit dem Psychologen besprochen. Du vergisst alles und kannst nicht mehr mit Geld umgehen. Jetzt geben wir dir ein Taschengeld, mit dem du auskommst.“ So berichtet er mir und beginnt zu weinen. „Sie haben mich entmündigt. Hilf mir!“
Ich rufe eine der Töchter an und frage, ob ihr klar ist, was sie und ihre Schwester ihrem Vater antun. Und dann beginnt sie, fast schreiend, aufzuzählen, welchen Blödsinn der Vater schon aufgeführt habe: „Er gibt den Leuten Trinkgeld, einem Bettler gibt er einen Fünfziger, damit er mal richtig feiern kann, die Zeitungen liest er nicht, und wenn, vergisst er alles, er hortet Kaffeefilter, fährt mit dem Taxi durch die ganze Stadt!“ Sie kann gar nicht mehr aufhören und endet dann erschöpft mit: „Einfach verblödet. Wir müssen den Schaden begrenzen.“ So genau wollte ich das alles nicht wissen, und manches war so indiskret, dass es mir weh getan hat. Und das erzählt mir ausgerechnet die Tochter, die schon als Kind schwierig war und für die Philipp sich am meisten eingesetzt hat. Wenn sie wieder die Ausbildung abgebrochen hat, hat er einen Ausweg gefunden. Er hat sie angestellt, obwohl sie nie gearbeitet hat. Philipp hat als erfolgreicher Geschäftsmann sein Leben lang für seine Kinder und Enkel geschuftet. Und nun verprassen die Kinder seit Jahren das Erbe. Und wollen noch möglichst viel von seinem Vermögen retten. Sie haben ihn in ein kleines Zimmer mit Nasszelle verbannt, solange er noch ohne Betreuung bleiben kann. Philipp ist tatsächlich schon etwas vergesslich und merkt es auch – noch. Aber jetzt in der Bank ist der vergessliche Mann aufgewacht.

Es erging ihm wie Noah nach dem Weinrausch, der „erkannte, was ihm sein kleiner Sohn angetan hatte“. Sein Liebling, um den er sich am meisten hatte kümmern müssen, war am grausamsten mit dem Vater. Das tat besonders weh. Er hatte nicht die Größe, mit dem Vater in seiner Schwäche verständnisvoll oder zumindest diskret umzugehen. Vielleicht, weil er immer alles bekommen hatte, wollte er jetzt auch noch das Letzte vom Vater: Er nahm ihm die Würde.

Es gibt Menschen, die „klein“ sind. Die einen schwachen Charakter haben. Sie tendieren dazu, die Hand, die ihnen gegeben hat, zu beißen. Dem gegenüber groß ist das Straßenkind, das für Pater Georg im Gebet schrieb: „Wo er schwach ist, mache ihn stark und verzeih. In deinem Erbarmen, guter Gott, steh ihm und uns bei.“

Wie kann sich der Vater vor seinem schwierigen Liebling schützen? Was kann er in seiner Schwäche noch tun?