Ganz am Boden und karge Kost

Josef Steiner

Was die Schlange uns lehrt und was wir für unser Menschsein manchmal auch akzeptieren müssen

Da sprach Gott, der HERR, zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch wirst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.

Gen 3,14

Der Gott der Bibel – so zeichnet ihn das mythische Gedicht der Schöpfung – ist nicht nur ein barmherziger, dem Menschen bei seinem Erwachsenwerden nachgehender Pädagoge; er ist auch ein kluger Lehrer und Menschenführer mit klarer Sprache und verständlicher Methode. So malt das Gedicht die auf den erwachsenen Menschen zukommenden Herausforderungen nicht mit erschreckenden und entmutigenden Bildern, sondern deutet sie am Schicksal der Schlange an. Ihr hat es der Mensch zu verdanken, dass er den lebensnotwendigen Schritt tut, vom Baum der Erkenntnis zu essen, um sich bewusst zu werden, wer er ist und welche Rolle und Aufgabe ihm in diesem von Gott geschaffenen Lebensraum zugemutet werden. Die erste elementare Einsicht des Menschen nach dem Verkosten der Früchte vom Baum der Erkenntnis ist, dass er ein Geschöpf ist. Was das konkret heißt, macht die biblische Erzählung bildlich wieder an der Schlange fest. Wie sie die Initiatorin und Vermittlerin dieser für den Menschen zentralen Einsicht ist, so muss sie nun als Erste zeigen und beispielhaft vorleben, was als Geschöpf existieren konkret heißt. Die Bibel formuliert es in einer uns fremd gewordenen Fluchsprache, die Belastendes, Schweres und Hartes nicht verdrängt, sondern benennt. Die Schlange wird durch die harten Worte aus dem Munde Gottes zu einem eindrucksvollen Symbol menschlicher Existenz, in dem zwei Wahrheiten festgeschrieben sind.

Das eine ist ihre Bodenhaftung. Nach einer jahrtausendelangen Entwicklung und der damit verbundenen Rückentwicklung ihrer Beine ist die Schlange ganzheitlich mit der Erde verbunden. Die Art ihrer Fortbewegung, kriechend, schlängelnd und schleichend, die Eigenart und Struktur ihrer Haut, ständig wachsend und verändernd, und die sich anpassende Körpertemperatur – alle hängen sie vom Boden ab, auf dem sie sich bewegt. Ein intensives Bild gegenseitiger Verwiesenheit und Bindung. So lenkt die Schlange den Blick des Menschen auf den Boden, auf dem er geht und steht, und erinnert ihn an sein Wesen als Geschöpf. Keine kriecherische oder angepasste Existenz ist damit gemeint, sondern seine Nähe zur Erde, seine Bodenständigkeit verhindert, dass der Mensch überheblich wird und sich Gott, dem Schöpfer gleichstellt.

Das andere ist ihr karger Speiseplan. Natürlich kann sich die Schlange nicht von Staub ernähren. Aber ihre Nahrungsquellen sind jetzt beschränkt; sie muss nehmen, was sich ihr in den Weg stellt. Und alle Nahrung, die sie auf dem Boden kriechend erhaschen kann, wird nach Staub schmecken. Im Gegensatz zu den paradiesischen Früchten eine harte Kost. Auch für die Menschen gibt es manchmal Zeiten, in denen das tägliche Brot des Lebens staubtrocken ist. Sie zu akzeptieren ist eine harte Schule des Lebens. Martin Buber hat in seinen Chassidischen Erzählungen dazu ein schönes Wort von Rabbi Heschel festgehalten: „Der Mensch soll wie ein Gefäß sein, das willig empfängt, was sein Eigentümer hineingießt:,sei´s Wein, sei´s Essig.“