Fünf Lichtblicke

Max Heine-Geldern SJ

Worauf ich am Ende eines Tages blicke, kann mein Leben verändern.

Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis.

Gen 1,4

Schüsse fielen, Schreie gellten, Menschen rannten in Panik davon. Hände ergriffen Alexis Prem und rissen ihn in den vorbeirasenden Jeep. Binnen weniger Sekunden war der Jesuitenpater zur Geisel der Taliban geworden. Damit begann eine achtmonatige Leidenszeit. Drei Jahre zuvor war der Inder als Regionalleiter des Jesuitenflüchtlingsdienstes (JRS) nach Afghanistan gekommen. Er hatte die Sprache erlernt, lebte unter den Menschen und hielt sich strikt an das Missionsverbot. Gute Beziehungen waren erwachsen. Auf diese Weise konnte der JRS viele Schulen für die zurückkehrenden Flüchtlinge führen. Auch Mädchen wurden unterrichtet. Das war den Taliban ein Dorn im Auge.

Nun reichten sie ihre Beute untereinander weiter. Neun Mal musste Pater Alexis den Ort wechseln. Meist fand er sich mit gefesselten Händen und Füßen in irgendwelchen Höhlen wieder. Angst und Ungewissheit rissen ihn hin und her. Was wird mit mir geschehen? Werden sie mich töten? Wenn nicht heute, dann vielleicht morgen. Die Handbewegung eines Jungen, mit der er eine durchschnittene Kehle angedeutet hatte, verfolgte Prem. Manch einer seiner Wächter trieb sadistische Spiele mit ihm, andere wiederum achteten ihn wie einen Gast.

Lebendig erzählte mein Mitbruder im Jugendzentrum von seiner Passion. Wir hingen an seinen Lippen. „Was hat Ihnen Kraft gegeben?“, fragte einer der Jugendlichen. „Das Gebet, mein Glauben.“ Täglich verbrachte Alexis Prem drei Stunden im Gebet. Das respektierten seine Entführer. Und es half ihm, dem aufsteigenden Hass zu widerstehen. Er wollte innerlich so frei wie möglich bleiben. Jeden Abend blickte er auf den Tag zurück. Mindestens für fünf Dinge wollte er Gott danken. Etwa für das Essen, für ein gutes Wort oder für einen freundlichen Bewacher. Die kleinsten Gesten konnten sich zu Lichtblicken verwandeln. Er lernte in all dem Durcheinander zu unterscheiden, was gut war.

Auf diese Weise folgte Prem in seinen täglichen Reflexionen dem ersten Schöpfungsakt Gottes. Mitten in die wirre und finstere Welt hinein schuf Gott Licht. Erstmals war dadurch Sehen möglich und damit die Basis für Unterscheiden und Bewerten geschaffen. Die einzelnen Elemente erhielten Identität und wurden geordnet. Eine Welt von Kontrasten und Vielfalt erwuchs. Das Licht wurde zur Quelle des Lebens.

Ebenso wurden die täglichen fünf Lichtblicke zur Überlebenskraft für meinen Mitbruder, in einer Zeit, in der er sich oft als tot erlebte. In seinen Schilderungen verklärte Prem seine Erfahrungen nicht. Niemandem würde er solche Erlebnisse wünschen. Genauso wenig schwieg er über seine intensiven Glaubenserfahrungen. Sie lehrten ihn, im Licht seines Glaubens selbst in seiner wirren und düsteren Umwelt etwas Helles zu erkennen. Und so wich langsam sogar der Schatten des Feindes im Angesicht seiner Nächsten.