Freund ist ein großes Wort

Josef Steiner

Freundschaften sind ein Geschenk, aber auch mit Arbeit verbunden. Wenn sie gepflegt werden, blühen sie auf.
Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.
Johannes 15,14

Sie ist eine Touristenattraktion in Syrakus: eine Höhle, fünfundsechzig Meter lang, dreiundzwanzig Meter hoch und bis zu elf Meter breit. Hineingetrieben in einen Kalksteinfelsen, dessen Steine zum Bau einer wehrhaften Stadtmauer verwendet wurden. Der Eingang von außen einer Ohrmuschel ähnlich, wird deswegen das „Ohr des Dionysios“ genannt. Wir waren eine kleine Gruppe, betraten schweigend die Höhle, menschenleer, keine Touristen, es war Zwischensaison. Die Geräusche unserer Schritte hallten als Echo von den Wänden. Im Inneren der Höhle angekommen, begann plötzlich einer zu zitieren. „Zu Dionys dem Tyrannen schlich…“ Jene Ballade von Friedrich Schiller, die wir in der Schule unter dem Titel „Die Bürgschaft“ auswendig lernen mussten. Im Dunkel der Höhle und eingetaucht in absolute Stille wurde die Geschichte einer Freundschaft gegenwärtig, der sich Gewalten der Natur – Regen, tosende Fluten, eingebrochene Brücken – in den Weg stellen. Der eine Schar von räuberischen Banditen gewaltsam ein Ende setzen will. Der sengende Sonne und quälender Durst Kraft und Dynamik nehmen. Eine Freundschaft, die die Botschaft, zu spät zu kommen und das Leben des Freundes nicht mehr retten zu können, an den Rand der Verzweiflung bringt. Aber alle diese Widerstände setzen neue, ungeahnte Kräfte frei. Zum Schluss fielen wir alle in die Worte des Tyrannen Dionysios ein: „Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn. So nehmet auch mich zum Genossen an. Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der dritte.“ Freundschaften, gelungene und schwierige, wurden in der Höhle von Syrakus gegenwärtig.

In der Bibel Jesu trägt allein Abraham den Ehrentitel „Freund Gottes“, und wir dürfen nach heutigem biblischem Verständnis seine Frau Sarah auch als „Freundin Gottes“ bezeichnen. Beide haben getan, was Gott ihnen an Arbeit zugemutet hat. Aus dem Götterhimmel ihrer Heimat auszuziehen, um dem EINEN auf die Spur zu kommen. Ihr Haus gastfreundlich allen zu öffnen und so auch Fremden und Obdachlosen ein Dach über dem Kopf zu bieten. Den Traum von einem Kind trotz aller Widerstände nicht aufzugeben, um auf diese Weise das Tor zur Zukunft immer offen zu halten. Beide trugen die Konsequenzen ihrer Freundschaft mit Gott auch in der dunkelsten Stunde, bereit, ihr Liebstes freizugeben. Dieses Bild der Freundschaft hat Jesus im Blick, als er aus seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, aus seinen Geschäftspartnern Freunde macht. „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.“ Und es ist nicht wenig, was er von ihnen verlangt.

„Wahre Freundschaft solle nicht wanken…“ Das beliebte Volkslied, schon zu der Zeit im Umlauf, als Schiller seine „Bürgschaft“ dichtete, bekräftigt, dass Entfernung und Widerstände nicht das Ende einer Freundschaft bedeuten. Freundschaften sind ein Geschenk, aber auch mit Arbeit verbunden. Wenn sie gepflegt werden, blühen sie auf.