Fremdsprachen – Tor zu Neuem

Josef Steiner

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ (Wittgenstein) Fremdsprachen erweitern den Horizont.

Dieses Schild lasen viele Juden, weil der Platz, wo Jesus gekreuzigt wurde, nahe bei der Stadt lag. Die Inschrift war auf hebräisch, lateinisch und griechisch abgefasst.
Joh 19,20

Martin Buber hat in seiner Sammlung chassidischer Erzählungen folgende schöne Szene festgehalten: Die Eliteschüler des berühmten Rabbi Israel ben Elieser, des Begründers der spirituellen jüdischen Richtung des Chassidismus, diskutierten einmal über die Aussage im Talmud, dass der Engel Gabriel den ägyptischen Josef in einer Nacht siebzig Sprachen gelehrt habe. Das erschien ihnen unverständlich, da doch jede Sprache aus zahllosen Wörtern besteht. Wie soll das ein Mensch in einer einzigen Nacht erfassen? So beschlossen sie, ihren Lehrer und Meister zu befragen. Dieser begann eine Lehrrede zu erzählen. Aber sie hatte mit der Frage nichts zu tun. Plötzlich jedoch geschah etwas Unerhörtes und Unbegreifliches. Mitten in der Lehrrede klopfte Rabbi Jaakob Jossef von Polnoe auf den Tisch und rief : Türkisch!“ Und nach einer Weile: „Tatarisch!“, und wieder nach einer Weile: „Griechisch!“, und so Sprache um Sprache. Allmählich verstanden ihn die Gefährten: Er hatte aus der Lehrrede des Meisters, die scheinbar von ganz anderen Dingen handelte, Quell und Wesen jeder einzelnen Sprache erkennen gelernt – und wer dich Quell und Wesen einer Sprache erkennen gelehrt hat, hat dich die Sprache gelehrt.

Die Entscheidung des Pilatus, den Grund für die Kreuzigung Jesu aus Nazaret – weil dieser sich als König der Juden ausgegeben habe – dreisprachig zu veröffentlichen, hat pragmatische Gründe. In Hebräisch: Das unter der Besatzung stehende jüdische Volk soll wissen, dass jemand so endet, der den Aufstand probt, als Warnung und Abschreckung. In Lateinisch: Das römische Volk, vor allem Militär und Soldaten werden offiziell informiert, eine öffentliche Bekanntmachung. Und in Griechisch: Das war im Osten des römischen Reiches die übliche Sprache in Verwaltung und Rechtsprechung, in Kultur und Bildung, Kommunikation der gebildeten Oberschicht. Pilatus aber hat mit seiner Entscheidung unbewusst Jesus und dem Christentum einen großen Dienst erwiesen. Denn die drei Sprachen verweisen seitdem verpflichtend auf das Geheimnis dieses Königs und sind Spuren zu dessen Verständnis. Das Hebräische: Person und Werk Jesu sind zurückgebunden an die hebräische Sprache, die Sprache der Bibel, und nur von ihr her verständlich und begreifbar. Das hebräische Wort hat in Jesus Gestalt angenommen, ist in ihm, wie es Johannes formuliert, Fleisch geworden. Das Lateinische: Person und Werk Jesu sind zurückgebunden an politische, gesellschaftliche Strukturen, hineinverwoben in Machtkämpfe und Interessenkonflikte, herausgefordert zur Gestaltung von gerechten und friedlichen Verhältnissen, jenseits von Rückzug ins Private und Innerlichkeit. Und das Griechische: Person und Werk Jesu werden von Anfang an in griechische Sprache gegossen und so verkündet. Ein erster Schritt der Inkulturation, dem im Laufe der Geschichte unzählige folgen werden. Fremdsprachen erweitern den Horizont – auch im Verständnis Jesu.