Freisetzende Erdung

Max Heine-Geldern SJ

Was hilft mir meine Berufung zu leben?

„Gott machte die beiden großen Lichter, das große zur Herrschaft über den Tag, das kleine zur Herrschaft über die Nacht, und die Sterne.“

Gen 1,16

Sie fiel kaum auf. Die meisten Jugendlichen konnten mit ihr wenig anfangen. Manche schluckten ihre Präsenz wie eine bittere Pille, viele störten sich nicht an ihr. Anderen wiederum gefiel der Kontrast, den ihre Anwesenheit ausstrahlte. Ihr Platz war neben der Bar, zwischen Filmpostern von „Romeo und Julia“ und „Easy Rider“. Von Attraktivität keine Spur. Ihre Gestalt war vielmehr klobig und groß, etwa 90 Zentimeter hoch. Ihre Linien folgten der Marienfigur am Montserrat, einem spanischen Pilgerort in der Nähe von Barcelona. Dort hatte unser Ordensgründer, Ignatius von Loyola, lebensprägende, geistliche Erfahrungen. Aber hier mitten im Jugendzentrum? Hatte das nicht den Hauch einer Verhöhnung? Oder einer postmodernen Anbiederung? Über die Jahre war sie zur Hausdame geworden. Immerhin prägte sie den Namen des Jugendzentrums: „Marianische Kongregation“.

Ob das auch für die Jugendlichen galt? Sie legten ihre Lebenswelt vor der Türe nicht ab, sondern brachten sie rein in das Zentrum. Dafür war es da. Hier probierten sie sich. Checkten aus, wie sie gesehen wurden. Etiketten wie „Opfer“, „Looser“, „Streber“ oder „Moralapostel“ standen nicht gerade hoch im Kurs. Vielmehr die Labels ihrer Klamotten. Shopping gehörte zum Alltag wie das Amen zum Gebet. Die neuen Errungenschaften frönten dem eigenen Prestige. In diesem gängigen Wettkampf um die obersten Plätze der Vergötterung behaupteten sich andere mit ihrer scharfen Zunge oder fein platzierten Scherzen. Einige Bonuspunkte erzielte natürlich auch die jeweilige Trinkfestigkeit. Besonders gefinkelt waren schließlich jene, die sich durch ihr „Understatement“ profilierten. Ungeschminkt ließen sie mich an ihrer Welt teilnehmen. Und mich erkennen, dass ich in ihr wahrlich kein Fremdkörper war.

Natürlich schmeichelten mir die spürbare Anerkennung, mein Erfolg und das Label des „coolen Jesuiten“. Manch meiner ironischen, saloppen Sprüche löste zuerst Verwirrung dann schallendes Gelächter aus und erhöhte letztlich meinen Podest.

Wie erdend war da unsere Hausdame für mich! In all ihrer Zurückhaltung unterbrach sie diese zeitgeistigen Vergötterungen.

Eine Unterbrechung, wie sie in ähnlicher Weise die Verse des Schöpfungshymnus ausdrücken. In ihrer altorientalischen Umgebung wurden Sonne und Mond als wichtige Götter verehrt. Das Gottesbild des Volkes Israel hingegen holte sie vom Götterhimmel auf die Erde. Wie alles andere sind sie geschaffen worden und erhielten klar begrenzte Aufgaben. Anstatt angebetet zu werden, durften sie Tag und Nacht leuchten und damit zur Entfaltung der ganzen Schöpfung beitragen.

Wie der Schöpfungshymnus wies mich Maria auf mein Gottesbild hin. Sie trug es in ihrem Schoß. So half sie mir, mich im Göttergewimmel immer wieder neu zu orientieren, um die Menschen zu sehen, die wir sind. Eine Erdung, die mich freisetzte meine Berufung leben und die Jugendlichen bei der Entfaltung der ihren begleiten zu können.