Fragend. Versöhnlich. Perspektivisch.

Josef Steiner

Wann habe ich einmal versagt und bin trotzdem brauchbar geblieben?

Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!

Joh 21,16

Rabbi Ahron Löb von Primischlan hatte von seinem Lehrer Jechel Michal von Zloczow eine besondere Fähigkeit erlernt. Wie sein Meister besaß er die „Wissenschaft der Antlitze“ – so nannte man diese Begabung damals. Gemeint ist die Fähigkeit, am Gesicht des Gegenübers dessen inneren seelischen Zustand und existenzielle Situation abzulesen, vor allem dessen Nöte, Irrwege und Sünden, und entsprechende therapeutische Wege zur Heilung aufzuzeigen. Eines Tages kam zu Rabbi Ahron Löb ein Mann – so berichtet Martin Buber in seiner Sammlung chassidischer Geschichten –, in dessen Gesicht er die Zeichen des Ehebruchs eingraviert sah. Nachdem er sich eine Weile mit dem Mann unterhalten hatte, sagte der Rabbi: „Es steht geschrieben: ,Ein Gesang Davids, als Natan der Prophet zu ihm kam, wie er zu Batseba gekommen war.`(Das ist die Überschrift zum Psalm 51). Was bedeutet dies wohl? Es bedeutet, dass Natan den rechten Weg erwählt hatte, David zur Umkehr zu bewegen. Wäre er ihm öffentlich und als sein Richter entgegengetreten, er hätte ihm das Herz nur verhärtet. Aber er kam mit seiner Mahnung in Heimlichkeit und in Liebe zu David, ebenso wie der zu Batseba gekommen war. Da ergriff die Mahnung das Herz des Königs und schmolz es um, dass der Gesang des Umkehrenden (der Psalm 51) daraus aufstieg.“ Erzählend vergegenwärtigte der Rabbi Problem und Lösung für den vor ihm sitzenden belasteten Mann. Trotz des Fehltritts Davids mit Batseba und dessen Unheil stiftenden und Tod bringenden Folgen entzog Gott ihm nicht Rolle und Aufgabe, als Hirte und König weiter sein Volk zu führen. Gottes Liebe übersteht Brüche und Versagen. Der Mann verstand, bekannte seine Sünde und kehrte um von seinem Irrweg.

Ähnlich klug geht Jesus mit seiner Führungsgestalt Simon um, mit Petrus, den er seinen Felsen nennt, auf den er baut und dem er vertraut. Diskret und einfühlsam vergegenwärtigt er dessen Überforderung am Feuer im Vorhof des Hohenpriesters. Jene Situation in der Passion Jesu, als es für Petrus immer heißer und gefährlicher wurde und er sich Schritt für Schritt immer stärker von Jesus absetzte, bis hin zur Selbstverfluchung, ihn nicht zu kennen. Jetzt, bei einem neuen Kohlenfeuer, beginnt Jesu Therapie der gebrochenen Beziehung, die Aufarbeitung des Versagens. Wieder Schritt für Schritt, gelenkt von der Frage an Petrus, ob er ihn liebe. Sein Ja kann wachsen, sich entwickeln, vertiefen. Und das Tröstliche: In diesem Raum wachsender und vertiefter Liebe bestärkt Jesus Führungsrolle und Aufgabe des Petrus. Er soll Verantwortung übernehmen in der Gemeinschaft jener, die Jesus nachfolgen. Für Klein und Groß, für Lämmchen und Schafe, für Kinder und Erwachsene. Sie soll er weiden und füttern, ihnen soll er Hirte und Führer sein. Aus dem Versagen erwächst neue Kraft zur Leitung. Mit den Worten unseres verstorbenen Lehrers Wolfgang: Petrus ist das Idealbild einer Führungskraft.

Wann habe ich einmal versagt und bin trotzdem brauchbar geblieben?