Eva in Ziegental

Ruth Zenkert

Wer gibt mir Leben? Welche Frau ist mein Leben? Wie heißt sie?

Der Mensch gab seiner Frau den Namen Eva, Leben, denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen.
Gen 3,20

Chiva ist zurück. Jahrelang hatte sie Schafe gehütet, mit ihrem Mann und den drei Kindern. Abgeschieden vom Dorf Ziegental, oben auf der Weide. Keines der Kinder ging jemals in die Schule, auch die Eltern konnten nicht lesen und schreiben. Sie hatten viel Arbeit mit den Tieren. Dann gab es eine Schlägerei zwischen den Hirten, bei der Chivas Mann starb. Angela setzte alles in Bewegung, dass die arme Frau mit ihren Kindern ins Dorf ziehen konnte. Sie brauchte Unterstützung: eine Unterkunft, Einrichtung, Lebensmittel. Die Kinder sollten gewaschen werden, bessere Kleidung bekommen, ein Zuhause haben, mit anderen in Kontakt kommen und in die Schule gehen. Und schließlich war da die Trauer um den Mann: Chiva brauchte Trost und Halt. Wo sollte man beginnen? Mit schweren Taschen beladen ging Angela hinauf zur Schafweide, vorbei an den aggressiven Hirtenhunden, hinein in die Hütte. Dort saß Chiva, umringt von hungrigen und unruhigen Kindern. Nachdem sie gegessen hatten und Chiva unter Tränen die schreckliche Geschichte herausgewürgt hatte, lud Angela sie ein, mit ins Dorf zu kommen. „Ich habe für euch Zimmer vorbereitet, mit Betten, warmen Decken und einem Holzofen. Ihr könnt zu mir in die Casa Eva ziehen.“ Und sie breitete die weiteren Pläne aus: dass Chiva im Gewächshaus mitarbeiten, die Kinder in die Schule und am Nachmittag in unser Sozialzentrum gehen könnten. Dann stand sie auf und wollte beginnen, die wenigen Habseligkeiten zu packen. Chiva sackte in sich zusammen, wurde immer verschlossener. Sie könne nicht ins Dorf, der Bauer würde sie verprügeln, wenn sie nicht bei den Schafen bleibe. Und sie habe Angst vor den Leuten. Angela ging alleine zurück. Aber sie kämpfte um Chiva und ihre Kinder, schickte ihnen Essen hinauf und immer wieder die Einladung, zu uns zu kommen. Nun ist Chiva dem Ruf gefolgt.

in der Schöpfungserzählung heißt es, dass der Mann über die Frau „herrschen“ wird (Gen 3,16). Er tut es, indem er ihr den bedeutungsvollen Namen Eva – Leben – gibt. Sie soll Leben schenken.
In Ziegental gibt es keinen anderen Menschen, der die Kraft dieser Frau hat, wie sie Angela hat, „Mutter aller Lebendigen“ zu sein. Wie viele sind schon weggelaufen! Zurückgeblieben sind verwahrloste Roma-Familien und immer mehr Kinder. Angela hält es aus, dass sie von morgens bis abends angebettelt und bestürmt wird. Die Leute brauchen Wasser, sie brauchen Brot, die Sterbenden Begleitung. Sie wäscht die Behinderten, sie hat keine Angst vor verzweifelten und betrunkenen Vätern. Und sie erträgt den bösen Nachbarn. Manchmal lässt sie sich nieder bei der ärmsten Familie, die sie liebt, und trinkt mit ihr den Tee, den sie mitgebracht hat. Sie liebt ihre Töpferei, wo die jungen Frauen mit ihr Raben aus Ton formen. Hier und im Garten schöpft sie Lebenskraft, die sie weitergibt.

Leben trifft Leben. Chiva mit drei Kindern und Angela. Sie wird sie in ihr Haus aufnehmen, das den Namen Eva trägt. So hieß Angelas Mutter. Ihr danken wir, weil sie der Tochter die Kraft vererbt hat, Mutter für viele zu sein.

Wer gibt mir Leben? Welche Frau ist mein Leben? Wie heißt sie?