Es sagt viel aus, wie jemand weggeht

Georg Sporschill SJ

Auch im Sterben und Scheitern liegt eine Botschaft. Welches Bild bleibt vom Menschen?

Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht.
Joh 19,33

Walter war sein Leben lang auf der Straße. Die Mutter hatte das unerwünschte Kind ins Heim gegeben, der Vater hat sich gleich davongemacht, vielleicht wusste sie gar nicht, wer es war. Aus dem Heim riss Walter immer wieder aus, jedes Mal wurde er eingefangen. Mit sechzehn musste er dann als Hilfskraft auf einem Bauernhof arbeiten. Voller jugendlichen Leichtsinns setzte er sich eines Tages in der Stadt auf ein fremdes Fahrrad und fuhr davon. Diebstahl, sieben Jahre Gefängnis! Man hatte ihm wohl noch einige ungelöste Fälle zugeschoben und damit den unbequemen Burschen weggeschafft. Achtzehnmal wurde er noch wegen Bagatelldelikten verurteilt, bis er schließlich in der Strafanstalt Stein für Jahre eingesperrt wurde. Nach seiner Entlassung fasste er nicht mehr Fuß und landete in einem kalten Winter als Obdachloser in unserem Notquartier in Wien. Oft kam er betrunken nach Hause. Doch als er den Portiersdienst übernahm, wurde er stabiler. Er begrüßte jeden Hausgast herzlich und mit Humor, die Portiersloge war immer Treffpunkt von Freunden. Nie schimpfte Walter über die Justiz oder dass er ungerecht verurteilt worden sei. Er sagte, die Richter hätten ihre Pflicht getan, und lobte die Wärter, weil sie gut zu ihm gewesen waren. In der Portiersloge verfasste er jeden Tag einen „Spruch des Tages“, meist einem Mitarbeiter, Hausbewohner oder Gast gewidmet. Wunderbare Einblicke und Weisheiten, mit kunstvollen Blockbuchstaben aufgemalt. Und den jungen Volontärinnen erklärte er, wie sie mit Zibeben verhüten könnten.

Walter war bis zu seinem Lebensende gezeichnet von seiner schweren Geschichte. Wenn die Sozialhilfe ausgezahlt wurde, vertrank er alles, bis der letzte Groschen weg war. Dann kam er mit Lungenkrebs ins Krankenhaus. Noch in der Intensivstation verlangte er von der Krankenschwester Zigaretten. Am Monatsanfang wollte er sich von allen Schläuchen befreien, um vom Sozialamt sein Geld abzuholen. Sein Zimmer war stets voll von Freundinnen und Freunden, die ihn bis zum Schluss begleiteten. Meine Erinnerungen an Walter glänzen im Schein der tiefen Freundschaft. Er war ein besonderer Mensch.

Die gebrochene Biographie dieses Straßenkindes lässt mich an den Psalm denken: „Nahe ist der HERR den zerbrochenen Herzen und dem zerschlagenen Geist bringt er Hilfe. Viel Böses erleidet der Gerechte, doch allem wird der HERR ihn entreißen. Er behütet all seine Glieder, nicht eins von ihnen wird zerbrochen.“ (Ps 34,19-21)  Dieses Wort erfüllte sich in der Art und Weise, wie Jesus starb. Als die Soldaten „sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht“. Aus dem zerbrochenen Leben des Straßenkindes, aus dem entstellten Antlitz des Gekreuzigten leuchtet die Botschaft des Psalms. Er war ein Gerechter. Er war ein Freund, ein Mensch, der sein Leben für andere verlor. Das Erlösungswerk geht weiter. Der Ruf Jesu, sich für Schwächere einzusetzen, hat seine Kraft nicht verloren.

Es sagt viel aus, wie jemand weggeht. Auch im Sterben und Scheitern liegt eine Botschaft. Welches Bild bleibt vom Menschen?