Ernst zu nehmende Warnung

Josef Steiner

Trennungen haben Folgen. Damit verbundene Gefährdungen sollen benannt und als Ausdruck von Engagement und Sorge verstanden werden.
Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen.
Joh 15,6
Unter den Schülern des Rabbi Dow Bär von Mesritsch, des zweiten großen Führers der chassidischen Bewegung im 18. Jahrhundert, war einer, dessen Namen in Vergessenheit geraten ist. Einst, im Lehrhaus des Rabbi, galt er als der Größte und Begabteste. Alle wandten sich an ihn, dass er ihnen die Worte des Meisters wiederhole und erkläre. Es kam aber eine Zeit, da begannen die Schüler über ihn zu reden, dass ein Wurm an ihm nage. Dann verschwand er plötzlich, und man hörte, dass er dem Alkohol verfallen sei. Mit einem Stock in der Hand und einem Ranzen auf dem Rücken zog er im Land herum, saß schweigend in den Wirtshäusern, bis er betrunken war, und sprach dann Weisheit um Weisheit. Nach vielen Jahren der Wanderschaft kam er in die Stadt Lozny, in der heutigen Ukraine gelegen, in der ein ehemaliger Mitschüler von ihm, Schneur Salman, zu einem berühmten und von vielen aufgesuchter Rabbi geworden war. Er trat ins Lehrhaus, zurzeit da der Rabbi lehrte. Unbeachtet stand er im Gedränge und lauschte eine Weile. Dann murmelte er vor sich hin: „Aus e i n e r Schüssel haben wir alle gegessen, und das ganze Gericht ist bei ihm geblieben“, und ging hinaus. Als der Rabbi Salman davon hörte, verstand er, wer der unbekannte Gast war. Er ließ überall nach ihm suchen, denn er wollte ihn bewegen, bei ihm zu bleiben und nicht mehr umherzuziehen. Aber der Wanderer war nicht mehr aufzufinden.

Für Jesus ist Freiheit das oberste Gebot. Niemanden hat er gezwungen oder unter Druck gesetzt, mit ihm zu gehen und mit ihm an seinem Lebensprojekt mitzuarbeiten. Im Gegenteil. In einer schwierigen Situation, als sich viele von ihm und seiner Bewegung distanzierten, fragte er seine engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: „Und ihr, wollt ihr nicht auch gehen?“ Ohne beleidigt zu sein, ohne Drohgebärde. Trotzdem, bei aller Freiheit, soviel Selbstbewusstsein hat Jesus, dass er den Seinen signalisieren kann: Wer die Lebensfreude mit mir erlebt hat, Abenteuer, Hoffnung, Aufbruch, das Feuer der Begeisterung und die Energie zu tatkräftigem Tun, der muss bei einer Trennung von mir damit rechnen, dass all das darunter leidet. Jesu Fragen sind: Wollt ihr wirklich auf meinen Energiespender für den Alltag, das tägliche Brot des Lebens, auf meine Quelle der Freude, auf den Becher Wein, verzichten? Wollt ihr auf die Beziehung zu mir verzichten? Dann überlegt die Folgen. Jesus macht die Sanktionen deswegen so groß, damit wir verstehen und die Beziehung zu ihm ernst nehmen. Seine Bilder sind stark und hart. Er spricht von Ausgebrannt sein, von verblühten Lebensträumen, von verwelkten Hoffnungen, unbrauchbar. Vor diesen Gefahren will er warnen.