Erinnere dich daran, wie du verliebt warst

Georg Sporschill SJ

Es braucht die Verliebten, die einen tieferen Blick als die Normalen haben. Sie können andere in Bewegung setzen.

Maria von Magdala ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie richtete aus, was er ihr gesagt hatte.

Joh 20,18

Nach einem Monat Sprachkurs und Einschulung wurden den neuen Volontären die Aufgaben im Sozialprojekt zugeteilt. Auf der einen Seite waren die Fähigkeiten der jungen Leute zu berücksichtigen, auf der anderen Seite mussten die Bedürfnisse in unserem Werk abgedeckt werden. Ich suchte noch eine Unterstützung für das Sportprogramm der Mädchen im Sozialzentrum. Zu meiner Überraschung meldete sich Angelika. Das hatte ich nicht erwartet, da sie eher ihre künstlerische Begabung gezeigt und sich sportlich nicht beteiligt hatte. Angelika setzte sich unglaublich ein, sie hatte viele Ideen, mit denen sie die drogensüchtigen Mädchen von der Straße für die Körperübungen motivierte: Morgengymnastik, Volleyball, Badminton, Tischfußball, Hindernisläufe und abenteuerliche Wandertouren. Viele machten mit, ja sogar mehr und mehr Burschen waren plötzlich beim Mädchensport, obwohl sie bisher nur für Fußball zu begeistern gewesen waren. Wie konnte die eher unsportliche Angelika solche Energien entwickeln und bei anderen freisetzen? Bald kam ich dahinter: Sie war verliebt in Jan. Jan war verantwortlich für den Sport mit den Burschen. Da war nicht viel los. Sie wollte ihm imponieren – und nun hatte sie auch das Sportprogramm für die Burschen auf den Kopf gestellt. Jan wurde mitgerissen. Das ganze Sozialzentrum kam mir manchmal vor wie ein kleines Olympiatrainingslager. Und Angelika hatte Jan für sich gewonnen. Sie wurden ein Paar.

Mich erinnert die Geschichte an Adam und Eva im Paradies. Eva hatte mehr Mumm als Adam. Sie wollte vom Baum der Erkenntnis essen, weil er „eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden“ (Gen 3,6). Dann brachte sie Adam dazu, davon zu essen. Da sollten ihnen die Augen aufgehen, sie wurden wie Gott und erkannten Gut und Böse. Jetzt trugen sie selber Verantwortung mit Mühen und Zweifeln, weil ihnen die Leichtigkeit der Kindheit genommen war. Die aufgeweckte Eva hatte Adam zum Lernen gebracht, zur Unterscheidung der Geister.

Verliebt wie Eva, wie Angelika, ist Maria von Magdala. In ihrer Sensibilität für Jesus nimmt sie am Grab das Neue wahr und muss es weitersagen. Was sie – befähigt durch die besondere Liebe – sieht und hört, macht sie zur Künderin für die anderen Schüler Jesu. Maria von Magdala steht zum Herrn, auch in der neuen Situation des Verlassenseins. Als Erwachsene begegnet sie ihrem Geliebten auf neue Weise, sehend, hörend, kündend. Sie bleibt nicht von der Trennung gelähmt, sondern wird aktiv. Sie hat etwas zu sagen und bringt andere in Bewegung. Sie wächst mit ihnen im Glauben.

Eva, Maria von Magdala und Angelika, drei gefühlsstarke Frauen, die andere in Bewegung setzen.

Wo sind bei uns Menschen mit herausragendem Gespür, Menschen, die mehr wahrnehmen als die „Normalen“? Wann habe ich eine Liebe empfunden, die mich tiefer schauen ließ, als andere es konnten? Die mich Neues hören ließ, wo andere noch nicht einmal sahen?