Erhebende Windeln

Max Heine-Geldern SJ

Welches Bekenntnis hat meinen Horizont geweitet?

„Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.“

Joh 21,18

Hugo war mit seinen 85 Jahren der älteste Mitbruder in der Münchner Jesuitenkommunität. Jahrzehntelang hatte er an unserer angrenzenden, philosophischen Fakultät unterrichtet. Seine Erkenntnistheorien sind in der Fachwelt bekannt und werden in Doktorarbeiten besprochen. Häufig frühstückten wir gemeinsam, dabei erzählte Hugo gerne. Selten wärmte er alte Geschichten auf oder lief Gefahr, mich mit theoretischen Abhandlungen zu überfordern, sondern schilderte lebhaft, was er am Vortag erlebt hatte. Kaum einen Vortrag an der Universität oder in der katholischen Akademie ließ er aus. Pastoral half er regelmäßig in einer kleinen Pfarre im bayrischen Wald. Die gesellschaftlichen Veränderungen beobachtete er aufmerksam. Immer wieder hinterlegte er aktuelle Artikel in meinem Postfach. Sein Wissen war unerschöpflich. Er kannte sogar das öffentliche Verkehrsnetz Münchens auswendig. Man konnte den Wecker nach ihm stellen. Jeden Tag, egal bei welchem Wetter, zog er seine ausgedehnten Runden im angrenzenden Englischen Garten. Wie viele Gehstöcke er dabei zur Hilfe nahm, war ein kleines Indiz für seinen tatsächlichen, körperlichen Zustand.

Ende November vor vier Jahren begleiteten ihn meist zwei Stöcke. Sie bestätigten den allgemeinen Eindruck, dass es Hugo nicht gut ginge. Nach längerem Drängen der Mitbrüder willigte er in eine Untersuchung ein. Das sollte der Beginn einer vierwöchigen Odyssee werden. Im Krankenhaus wurde er von einer Abteilung zur anderen verwiesen. Aufgemacht, wieder geschlossen, weitergereicht. Niemand fand die Quelle seiner Leiden.

Hugo wollte nicht ins Spital. Diese Art der Abhängigkeit durchkreuzte seine Lebensenergie. Ebenso wenig wollte Petrus zum Kreuz geführt werden, wie der Auferstandene ihm eben bildlich angekündigt hatte. Niemand strebt einen solchen Tod an. Das wäre völlig unmenschlich. Es wäre eine Ablehnung des Geschenks des Lebens. Als Jesus damals auf dem Weg nach Jerusalem seinen eigenen Kreuzestod ankündigte, rief Petrus fassungslos. „Das darf nicht geschehen! Das soll Gott verhindern!“ Jesus wies ihn scharf zurecht: „Hinter mich Satan! Denn Du willst nicht, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Gottes Wille und der Lebenswille des Menschen krachten aufeinander. Nicht weniger dramatisch wird das eigene Ringen Jesu am Ölberg geschildert, das zu den Worten führte: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille soll geschehen.“ Solch ein Bekenntnis lässt sich schwer in unsere Lebenswelten einordnen. Es ist zu paradox. Widerspricht dem Gottesbild eines liebenden Vaters. Aber gerade in seiner Wucht fordert es, über den eigenen Vorstellungshorizont zu blicken. Eine Herausforderung, der sich Petrus in seinem Leben stellte.

Hugo lag entkräftet im Bett. Das Krankenzimmer war karg eingerichtet. Nur das Rot des Weihnachtssterns am Nachttisch durchbrach die kalten, klinischen Farben. Unser Gespräch erfüllte langsam den Raum mit einer heimischen Atmosphäre. Erstmals erzählte mir mein Mitbruder von seiner Vergangenheit – mit gewohnter Lebendigkeit – bis er unvermittelt innehielt. Seine Augen blickten mich ruhig an. „Weißt Du, Max, hier so in den Windeln gewickelt zu liegen, fühle ich mich dem Kind in der Krippe besonders nahe.“ Was für ein paradoxes Bekenntnis! Was für ein weiter Erkenntnishorizont!