Entehrende Schläge

Josef Steiner

Erziehung und Rechtsprechung suchen nach Strafmethoden, die Besserung ermöglichen. Prügelstrafen gehören nicht dazu.

Darauf ließ Pilatus Jesus geißeln.

Joh 19,1

Von David von Lelow, einem klugen Rabbi aus dem berühmten Lehrhaus des „Sehers“ von Lublin, erzählt Martin Buber in seiner Sammlung chassidischer Geschichten folgende schöne Begebenheit. An einem Freitagnachmittag, als Rabbi David auf der Fahrt war, blieb das Pferd stehen und wollte sich nicht vom Fleck rühren. Der Fuhrmann schlug es, aber der Rabbi erhob Einspruch. „Rabbi“, rief der Fuhrmann, „die Sonne geht bald unter, der Sabbat ist nah!“ „Damit hast du wohl recht“, antwortete Rabbi David, „aber da kommt es für dich darauf an, dich dem Tier verständlich zu machen. Sonst fordert es dich dereinst im Himmel vors Gericht, und das wird dir nicht zur Ehre gereichen.“ Ein vorbildhaftes Verhalten einem Geschöpf gegenüber.

Anders Pilatus. Er ist Vertreter des römischen Rechtssystems und der römischen Strafverfolgung und beginnt im Prozess Jesu sein wahres Gesicht zu zeigen. Hart und nicht abmildernd formuliert die Bibel: „Da nun packte Pilatus Jesus und geißelte ihn.“ Er selbst ist gemeint, er trägt die volle Verantwortung für diesen Schritt. Hielt sich Pilatus am Beginn der Begegnung mit Jesus noch an die kulturell vorgegebenen Verhaltensregeln, gab er sich im Dialog mit Jesus zunächst gesprächsbereit und nach der Wahrheit suchend, kommt er jetzt mit seiner Intelligenz und seinem Wortschatz an eine Grenze. Der sprachlos gewordene Richter Pilatus setzt seine Möglichkeiten ein, er greift zur körperlichen Gewalt. Man muss nicht die neun Minuten dauernde Sequenz der Geißelung Jesu im Film von Mel Gibson „Die Passion Christi“ gesehen haben – übrigens Frucht eines sehr dogmatischen Verständnisses des Erlösungswerks Jesu -, um das Schmerzhafte und Grausame dieser im römischen Strafrecht der Kreuzigung vorausgehenden Quälerei erahnen zu können. Das Schlagen mit Ruten oder Lederpeitschen, versetzt mit Knochen- und Metallstücken, hatte einzig das Ziel, den Angeklagten zu schwächen, ihm Schmerzen zuzufügen, ihn zu erniedrigen und klein zu machen. Dass Pilatus mit der Geißelung Jesu das Todesurteil der Kreuzigung vorwegnimmt, entlarvt den folgenden Dialog mit den jüdischen Verantwortlichen als verlogen und als Farce. Oder ist es ein feiges Zeichen, mit dieser Erniedrigung des Königs der Juden deren aufgewühlte Gemüter zu beruhigen? Wie auch immer, das wahre Gesicht des Richters Pilatus wird sichtbar. Wenn der Geist in die Enge getrieben wird, muss körperliche Gewalt her.

Ein zeitloses Problem. Wenn in Konflikten, ob im Kleinen oder im Großen, Worte an eine Grenze kommen, beginnt das Zuschlagen. Ein Zeichen der Schwäche, der Überforderung. Der Klaps, die Ohrfeige, das „Ausrutschen der Hände“ sind die Einstiegsdrogen. Blaue Flecken, ein blaues Auge lassen Schlimmeres ahnen. Die Spirale der Gewalt beginnt sich zu drehen. Gewaltfreie Erziehung und menschenwürdige Strafpraxis stehen vor großen Aufgaben und suchen Strafmethoden, die Besserung ermöglichen. Prügelstrafen gehören endgültig nicht mehr dazu.