Eltern, die menschlich sind

Ruth Zenkert

Wo nimmst du Widerstand wahr, der befreit? In ihm ist eine kostbare Botschaft.

Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, wenn sie es sich zu tun vornehmen.
Gen 11,6

Stefania hatte sich sehr bemüht, in der Schule mitzuhalten. Sie war es nicht gewohnt, stillzusitzen, zuzuhören, zu lernen. Als Neunjährige in der ersten Klasse mit den Kleinen zu sein, das war nicht leicht. Aber sie schaffte es. Zu groß waren ihr Ehrgeiz, ihre Neugier und der Stolz, wie die „normalen Kinder“ zu werden. Wir halfen ihr auf diesem steilen Weg. Ihre sechs Geschwister hatten nie einen Kindergarten oder eine Schule von innen gesehen, ebenso wenig wie ihre Eltern. Die waren der Meinung, dass die Schule die Kinder bloß verderbe. Wozu lesen und rechnen können? Auf die Frage nach ihren Namen kam die Antwort „Florin“ – so heißt der Vater – und „Florina“ für die Mutter. Im Geburtsregister steht Alexandra, aber das können sie nicht lesen, und einen Ausweis hat sie nicht. Braucht sie auch nicht, denn mit den Behörden hat nur er zu tun. Florin geht in die Stadt, zum Betteln, Florina bettelt bei uns. Wenn ich in das Roma-Viertel komme, beschleunige ich meinen Schritt, um ihr aus dem Weg zu gehen. Wenn sie mich sieht, läuft sie mir hinterher und kann nicht aufhören, alle Probleme aufzuzählen. Die Wasserrechnung, der Strom wird abgesperrt, schimmelnde Wände …. und heute noch kein Brot am Tisch. „Gib mir einen Krümel Brot, einen Krümel!“ Sie beherrscht ihr „Handwerk“. Aber ich gehe weiter. Weil ich wütend bin. Denn ihr ältester Sohn war bis vor kurzem bei uns in der Töpferei. Er zeigte ein unglaubliches Talent an der Töpferscheibe. Doch eines Tages kam der Bub nicht mehr. Ich fragte die Eltern, was los sei. „Er ist heute krank.“ „Die Kinder auf der Straße verprügeln ihn.“ Dieselben Antworten, die wir bekommen, wenn wir fragen, warum Stefania nicht mehr in die Schule kommt. Und warum die kleinen Geschwister nicht in die Schule gehen.
Florin und Florina versperren ihren Kindern den Weg zum Lernen, zu Freunden, zur Zukunft. Manchmal stehen die Kinder am Zaun und winken uns zu. „Stefania, komm wieder ins Sozialzentrum, in die Schule! Florin, komm in die Töpferei!“ Sofort schreitet Florentina ein, und Stefanias Gesicht wird gleich grau, um zu zeigen, wie schlecht es ihr gehe. Der Bub bestätigt die Diagnose und klammert sich an die Mutter. Keiner widerspricht. Keiner kämpft.

Ich hatte geglaubt, dass Stefania die Kraft haben würde, sich vom Druck ihres Milieus zu lösen. Und zu sagen: Ich will in die Schule gehen. Doch sie beugt sich unter den Terror des Bettelns und das Regime des allmächtigen Vaters. Und sie redet wie die Eltern. Aber sie kann mir nicht in die Augen schauen. Es ist ein Zusammenhalt im Negativen und nirgends gibt es eine Unterstützung für den Aufbruch des begabten Kindes. Wann wagt sie, zu widersprechen? Die Eltern zu verstehen und doch in die Schule zu gehen?

Opposition, Vielfalt, Widerspruch sind notwendig, damit die Erwachsenen, die Vorgesetzten sich nicht im Rechthaben einsperren, sondern menschlich und dem Kind nahe bleiben.
Eine Sprache und eine Macht sind gefährlich. Die Macher müssen auf den Widerstand achten und die Kinder hören, sonst zerstören sie ihr eigenes Werk und ihre Familie. Wie fremde Götter.

Wo nimmst du Widerstand wahr, der befreit? Er ist lebensnotwendig.