Einssein

Josef Steiner

Mit wem bin ich ein Herz und eine Seele? Das setzt große Kräfte frei.

 
Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht.
Joh 17,10

Von Rabbi Schlomo von Karlin erzählt Martin Buber folgende Begebenheit: Wenn Rabbi Schlomo Tee oder Kaffee trank, pflegte er ein Stück Zucker in die Hand zu nehmen und zu halten, solange er trank. Einmal fragte ihn sein Sohn: „Vater, warum tust du das? Brauchst du den Zucker, so steck ihn doch in den Mund, brauchst du ihn aber nicht, so nimm ihn doch nicht in die Hand!“ Nachdem der Rabbi ausgetrunken hatte, gab er dem Sohn das Zuckerstück und sagte: „Koste es!“ Der Sohn nahm es in den Mund und erstaunte; es war kein Rest an Süßigkeit darin geblieben. Wenn der Sohn später davon erzählte, sagte er: „Bei wem alles eines ist, der kann mit der Hand wie mit der Zunge schmecken.“

Ganz geheuer ist den politisch und religiös Verantwortlichen in Jerusalem dieser Arzt und Therapeut aus Galiläa namens Jesus mit seinen guruhaften Zügen nicht. Woher stammt seine Kraft, psychische wie physische Belastungen und Krankheiten zu heilen? Steht er eventuell sogar mit dem Obersten der Dämonen im Bunde? Ist er eins mit dem Teufel? Beelzebul nannte man den damals, der „Herr der Herren“, so bezeichnet, wenn man ihn von seiner Macht und Stärke her definierte. Oder, wie man Beelzebul auch übersetzen kann, „der Herr der Fliegen“, wenn auf seine lästige und Bakterien übertragende, auf seine krank machende und Schrecken verbreitende Wirkweise abgehoben wird. Jesus kommt den Verantwortlichen mit seiner Antwort entgegen. Sie sollen genau hinschauen. Dämonische Kräfte wollen Leben, Entwicklung, Gesundheit, Lebensfreude verhindern und vermindern; sie streuen Neid, Missgunst und Eifersucht zwischen Menschen, Gruppen und Völker; sie setzen auf Gewalt, Brutalität, Krieg. Wenn er hingegen jetzt Leben aufbaut, Menschen von Belastungen und Krankheiten befreit, Orientierung und Gesundheit schenkt, Zufriedenheit und ein positives Lebensgefühl stiftet – wenn er das alles im Geist des Beelzebul tun würde, wäre ja die teuflische Führungsriege gespalten. Der eine Teil versucht Tod zu bringen, der andere Leben. Die Verantwortlichen brauchen sein Werk und seinen Weg nicht zu verstehen. Nur eines sollten sie nicht tun: ihm ein Einssein mit einem dämonischen Geist zu unterstellen. Diese Einschätzung ist unverzeihlich. So Jesu Reden zu den Verantwortlichen, um ihnen klar zu machen, wes Geistes Kind er sicher nicht ist.
Im Gegensatz zu den Verantwortlichen erahnen Jesu Schülerinnen und Schüler, die mit ihm leben und von ihm lernen, aus welcher Quelle sein einfühlsames, gutes Herz, seine kraftvollen, aufrichtenden Worte und zupackenden, heilenden Hände kommen. Es ist Jesu Verwurzelung im Gott der Bibel, ein beständiges und partnerschaftliches Geben und Nehmen. In der Bibel hat er seine Heimat gefunden, aus ihr Sendung und Lebenssinn geschöpft. Dankbar und selbstbewusst kann er am Ende seines Lebens an Gott gerichtet bekennen: „Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein.“

Mit wem bin ich ein Herz und eine Seele? Das setzt große Kräfte frei.