Einschneidendes Erlebnis

Josef Steiner

Welches Jahr brachte entscheidend Neues in mein Leben?

Noach lebte nach der Flut noch dreihundertfünfzig Jahre. Die gesamte Lebenszeit Noachs betrug neunhundertfünfzig Jahre. Dann starb er.
Gen 9,28-29

Sie sitzt mir gegenüber, eine liebenswürdige, kluge alte Frau. Auf meine Frage, welches Jahr sie aus ihren sechsundachtzig Jahresringen herausschneiden würde, beginnt sie ihr Herz auszuschütten. Als drittes von sieben Kindern – die Eltern waren beide Waisenkinder auf Bauernhöfen, die Mutter Dienstmagd, der Vater Bauernknecht, fast mittellos waren sie in die Großstadt gekommen – wuchs sie in sehr armen Verhältnissen auf. Einzig das Vertrauen auf den Herrgott erwies sich als wertvolles Erbe der Eltern. Eine ganz persönliche Belastung war es für sie, als man nach einem halben Jahr entdeckte, dass sie auf dem rechten Auge blind war. Sie fühlte sich minderwertig. Gott sei Dank aber war sie ausgestattet mit einem feurigen Temperament, ungebrochener Lebensfreude und mutigem Unternehmungsgeist. Sie wurde eine tüchtige und selbständig arbeitende Sekretärin. Als „Behinderte“ wagte sie die Ehe mit einem, wie sich später herausstellte, zur Depression neigenden Mann und hatte mit ihm, der katholischen Moral entsprechend – die Pille gab es ja noch nicht –, vier Kinder. Die Erziehung lastete allein auf ihren Schultern, der Mann übernahm keine Verantwortung und begann sich von ihr abzuwenden und sich immer stärker in den Beruf zurückzuziehen. Einzig Michael, der Älteste, zu dem sie auch die innigste Beziehung hatte, war ihr in dieser Situation eine existenzielle Hilfe. Das familiäre Leben wurde für sie und die Kinder immer schwieriger, sodass sie den plötzlichen Tod des Mannes und Vaters als Befreiung erlebten.
Und so kam das Jahr 2020, jetzt mit ihren Worten: „2020 bin ich mit vierundachtzig Jahren Urgroßmutter geworden, Michael Großvater. Zwei Monate später, Mitte Juni, brach er unterwegs zusammen. In der Notaufnahme zeigte sich am CT ein geplatztes Aneurysma an der Bauchaorta. Eine Rettung war nicht mehr möglich. Diese Erschütterung hat mich völlig verstört. Ich war fassungslos, kraftlos, ratlos. Ich bekam Schuldgefühle, dass die Natur sich nicht an die ,normale‘ Reihenfolge der Generationen gehalten hatte. Eine Mutter verliert ihr Kind. Es hat gedauert, bis ich die Wirklichkeit annehmen konnte. Zurückgezogen habe ich mich, es an mir geschehen lassen. Das hat mich zu dem gebracht, was mein Leben bisher ausgemacht hatte: mich anvertrauen dem mitgehenden Gott. ER wurde mir zum Geländer. Mir ist wieder Kraft zugewachsen. ,Unsere Tage zu zählen lehre uns!‘ ist für mich seit 2020 ein Gebet mit neuem Inhalt, gibt mir ein neues Lebensgefühl.“ Worte einer vom Leben geprüften Frau und Mutter.

In der Biographie Noachs hält die Bibel drei Jahreszahlen mit symbolischer Bedeutung fest. Noach ist sechshundert Jahre alt, als es vierzig Tage und Nächte lang regnet und seine Familie diese Flut überlebt. Dieses Ereignis ist so einschneidend, dass es zum Scharnier eines Lebens zwischen Vorher und Nachher wird. Vorher, mit fünfhundert, hat Noach Söhne bekommen, nachher werden noch dreihundertfünfzig Jahre gezählt. Ein Neubeginn, neue Schöpfung. Welches Jahr brachte entscheidend Neues in mein Leben?