Eins sein, wenn es schwierig ist

Josef Steiner

Scheidung und Trennung bergen eine Chance zu Neuem. Sie müssen nicht den Unfrieden in der Welt vergrößern.

Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.
Joh 17,21

 

Es war nicht einfach, die geschiedene Frau zum siebzigsten Geburtstag einzuladen. Und es war für sie nicht einfach, die Einladung anzunehmen. Aber eine vierzigjährige gemeinsame Geschichte, die sich tief in beide Biographien eingegraben hatte, lässt sich nicht verdrängen. Die vielen durchwachten und durchlittenen Nächte mit sechs Kindern und einem Pflegekind. Das Staunen über deren Entwicklung und die damit verbundenen Kämpfe. Die Pflege und Förderung von Begabungen und der darin sich zeigenden Wege zu Beruf und Aufgaben. Die Suche nach Freundinnen und Freunden und nach verbindlichen Partnerschaften. Das Glück, acht Enkelkinder und deren Großwerden zu erleben und in deren Welt einen Platz als Oma und Opa zu bekommen. All das ließ beide ihre Probleme, Konflikte und Auseinandersetzungen einmal in den Hintergrund stellen und über den eigenen Schatten springen. So wurde die Gegenwart beider der Rahmen für ein Fest, bei dem sich dann alle achtzig Gäste wohlfühlen konnten. Acht Enkelkinder, von zwei bis dreizehn Jahren, sangen ein herzerweichendes Lied, und die sechs Kinder mit ihren Partnerinnen und Partnern – alle musikbegabt und singfreudige Geschöpfe – erfreuten mit kreativen und originellen Liedern und Musikeinlagen die Festgemeinschaft. Und gemeinsame Freunde aus früheren Zeiten der Ehe konnten frei und ungezwungen mit beiden sich erinnern, austauschen und für die Zukunft planen. Ein Fest, in dem nicht unausgesprochen oder ausgesprochen die Frage im Raum stand: Wie steht es wohl um die beiden Geschiedenen? Ihre Gegenwart sprach für sich. Alle Gäste waren sich einig, dass zumindest die Früchte ihrer Ehe gut und genießbar sind.

Das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum ist geschichtlich am ehesten von der Scheidung her zu begreifen. Jesus war ja nicht gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen, sondern – um es mit seinen Worten zu sagen – Spaltung, Trennung. Er war sich bewusst, dass sein Programm, die Völker, die Welt mit der Bibel bekannt zu machen, das eigene Volk provozieren würde. Und dass seine Schülerinnen und Schüler diesen spirituellen Weg der Trennung zum Wohl für die Welt weitergehen müssten. So liest sich ja auch die Geschichte zwischen Judentum und Christentum wie ein Scheidungskrieg, der nicht nur verbal geführt wurde, sondern bis hin zur physischen Vernichtung reichte. Gott sei Dank leben wir in einer Zeit – angestoßen durch kluge Päpste und Kirchenleitungen – , in der beide im Blick auf die Herausforderungen und Nöte der Welt aufhören, sich gegenseitig zu bekämpfen und miteinander eins werden in der ihnen gestellten Aufgabe. Dieses Zeugnis wird die Welt überzeugen. Um es mit einem Wort eines Freundes zu sagen: Wenn nach einer Scheidung zwei beziehungsfähige und lebensfreudige Partner dastehen, dann war die Entscheidung zur Trennung richtig. Das gilt auch für die Beziehung zwischen Judentum und Christentum.