Eine verrückende Verwandtschaft

Max Heine-Geldern SJ

Für Geschwisterliebe reicht nicht die gemeinsame Herkunft.

„Sie gebar ein zweites Mal, nämlich Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer.“
Gen 4,2

Es ist sieben Uhr morgens. Überall riecht es nach heißem Öl und Zwiebeln. An der Küchenzeile im Gemeinschaftsraum steht Jude und bereitet strahlend das Frühstück vor. Mir dreht sich der Magen um, sehnt er sich doch einfach nur nach einem Cappuccino und einem Croissant. Knoblauch und Würstelstücke werden ins brutzelnde Fett geworfen. Weitere intensive Aromen verbreiten sich. Zusammen mit Reis wird das deftige Mahl serviert. Sieben jüngere Jesuiten aus sieben Herrenländer setzen sich zusammen und beginnen ihren gemeinsamen Urlaub. Jude kommt aus Sri Lanka, aus einfachen Verhältnissen. Direkt am Meer ist er mitten im Bürgerkrieg aufgewachsen. Allein anhand des Klanges hat er gelernt zu unterscheiden, ob gerade Rebellen oder Soldaten schossen. Das war entscheidend, um den richtigen Unterschlupf zum Schutz zu wählen. Ebenso wie er kommen Krupa (Südindien) und Huy (Vietnam) aus einfachen Verhältnissen. Die Auswirkungen von Gewalt erlebte der Kenianer Dominik während seines zweijährigen Einsatzes im Südsudan. Im Kosovo half Tomislav (Bosnien) im Versöhnungsprozess zwischen Muslimen und Christen. Der Osten des Kongos, das Heimatland von Didier, ist von Gewalt gezeichnet.
Was für eine Vielfalt an Kulturen und Prägungen vereint sich an diesem Tisch mitten in Palermo! Weder verbindet uns unsere Herkunft noch der Lohnzettel. Weder sind wir ein Team, eine Arbeitsgruppe, noch eine Firma. Sondern wir nennen Gott unseren Vater – Abba, und verstehen uns als seine Kinder. Aus dieser empfangenen Liebe wollen wir als Jesuiten leben – im Alltag wie im Urlaub. Eben haben wir eine intensive Prüfungsphase an der Universität abgeschlossen und jeder sehnt sich nach Erholung, am liebsten auf seine Weise. Für den Wiener bedeutet das ein frischer italienischer Kaffee, für die Südostasiaten Reis anstatt der aufgeblähten Croissants. Gerade im Freiraum außerhalb des geordneten Alltags des Jesuitenkollegs müssen wir unser Miteinander neu finden. Der Platz wird eng, wenn jeder seinen Bedürfnissen nacheifert, seine Belastungsgrenzen absteckt und den anderen als „Bedrohung“ empfindet.

Mit der Geburt Abels tritt eine neue Form der Beziehung in die Welt. Er und Kain sind vom selben Fleisch und Blut. Sie sind Geschwister. Auffallend nüchtern beginnt die biblische Erzählung dieser beiden Brüder. Durch ihre Hilfe in der Land- und Viehwirtschaft helfen sie ihren Eltern, den Auftrag Gottes zu erfüllen und sich die Welt untertan zu machen. Aber wie sind sie aufgewachsen? Bevorzugte etwa Eva Kain, weil er der Erstgeborene war? Bei seiner Geburt jubelte sie, während sie beim Zweiten schwieg. War Abel wirklich nicht mehr wert als ein Windhauch, wie sein Name deutet? Wie stand Adam zu seinen Söhnen? Spielten die beiden Brüder miteinander? Anzeichen von Geschwisterliebe fehlen völlig. Vielmehr treten Rivalität und Hass zwischen die beiden. Allein die gemeinsame Herkunft scheint nicht für ein friedliches Miteinander zu reichen. Was aber heißt es, einander Bruder oder Schwester zu sein? Indem Jesus mit dem Blutsband bricht, radikalisiert er den Verwandtschaftsbegriff. Nicht mehr die biologische Herkunft, sondern der gemeinsame himmlische Vater ist Ursprung meiner Beziehung zum Nächsten (Mt 12,50). Der Wille Abbas ist es, einander brüderlich zu lieben und zu dienen. Wie verrückend ein solcher Blick auf den anderen ist, lässt uns die Welt täglich spüren.

Das Frühstück sitzt ordentlich im Magen und der Kurzurlaub in Palermo gleicht weniger einer Erholung im engeren Sinn. Doch ist er eine notwendige Schulung des geschwisterlichen Blicks und öffnet hin zur Freude, geliebtes Kind zu sein.