Eine verfahrene Situation aufbrechen

Ruth Zenkert

Das therapeutische Fragen lernen. Welches Ziel verfolgt mein Fragen: mehr Wissen, mehr Beziehung, Stärkung und Heilung für den anderen?

Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist Abel, dein Bruder?
Gen 4,9a

 

Aly ist genial. Als Kind lebte er in Bukarest auf der Straße, und immer schon liebte er Musik. In großen Kaufhäusern setzte er sich an Klaviere und spielte. Im Sozialzentrum übte er an der Orgel in der Kapelle und begleitete bald die Lieder beim Morgengebet. Wir fragten ihn, ob er nicht in unserer Musikschule mitarbeiten und lernen wolle. Aly kam nach Siebenbürgen und lernte, erst widerstrebend, dann entdeckte er, was in ihm steckte, und entwickelte seine Begabung. Auch wenn er sich schwer tat mit Notenlesen, er spielte alles mit, was er hörte, und übernahm bald die Führung der Roma-Musikgruppe, die wir „Ali Baba“ nannten. Aly hatte eine gute Unterkunft, bekam ein sehr gutes Gehalt – eigentlich war er ja unbezahlbar – und hatte auch ein Auto. Er sollte spüren, dass seine Begabung geschätzt wurde, dass er bei uns eine Zukunft hatte. Wir gaben ihm den Schutz unserer Gemeinschaft und die Freiheit, die er als junger Mensch brauchte. Er war mit uns unterwegs zu Konzerten in Österreich, der Schweiz, in Liechtenstein, Deutschland, Italien. Profimusiker kamen zur Fortbildung und Animation. Es war alles traumhaft gut. Manchmal brachten Volontärinnen sein Herz in Wallung. Wenn sie dann zurück in ihre Heimat fuhren, meinte er, er müsse mit. Aber die Liebe wurde schnell durch eine nächste ersetzt. Manchmal war er beleidigt und musste wieder mit Geduld aufgefangen werden. Es war ein Auf und Ab, das sich die Waage hielt. Wir brauchten ihn, Aly brauchte uns und hatte alles, was er sich erträumen konnte. So dachte ich.
Eines Tages stand er vor mir und ich spürte, es war wieder so weit. Dieses Mal aber kämpfte ich nicht um ihn, sondern sagte bloß: „Gut, wenn du glaubst, du findest woanders dein Glück, dann geh.“ Er wollte zu seinem Bruder nach London. Ich bot ihm noch an, den Flug zu buchen. Er wolle es selber machen, sagte er, er sei ja schließlich erwachsen. Doch er schaffte es nicht nach London, nur bis nach Sibiu, 25 Kilometer von uns entfernt. Dort übernachtete er bei minus 15 Grad im Auto. Sollte ich ihn zurückholen? Ich musste mich zurückhalten. Aly wusste, dass unser Tor jederzeit für ihn offen steht. Inzwischen ist er in Berlin. Aly, der goldene Hände hat, aber nur für die Tasten, der fast kein Deutsch kann, schlägt sich durch als Taglöhner auf Baustellen und als Pizza-Bote. Wie tief muss er fallen, bis er zurückkommt – oder seinen Weg findet? Doch es bleibt für mich und unsere Gemeinschaft die viel schwierigere Frage: Warum ist es uns nicht gelungen, ihn zu halten? Was fehlte ihm in unserer Gemeinschaft? Wo ist Aly, unser Freund?

Wo ist Abel, dein Bruder? So fragt Gott Kain, der den Erfolg seines Bruders nicht verkraftet hat. Eifersucht machte ihn zum Mörder. Gott aber ist großmütig und beschuldigt den Gescheiterten nicht, sondern sucht das Gespräch mit ihm. Sein Fragen ist therapeutisch. Einfühlsamkeit und Fragen sollen den Menschen zur Selbsterkenntnis und zum Bekenntnis führen. Und zu Schritten der Heilung.

Welches Ziel verfolgt mein Fragen: mehr Wissen, mehr Beziehung, Stärkung und Heilung für den anderen?