Eine Stunde der Einsamkeit

Josef Steiner

Es gibt Momente, in denen man vieles verlassen muss und von vielen verlassen wird. Was trägt in solchen Augenblicken?

Die Stunde kommt und sie ist schon da, in der ihr versprengt werdet, jeder in sein Haus, und mich werdet ihr allein lassen. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.
Joh 16,32

Es war ein Gespräch wie viele zuvor. Zurück nach drei Monaten intensiven Arbeitens in Israel mit jungen Menschen saßen wir in meinem Wohnzimmer und ließen die vergangenen Wochen an uns vorüberziehen. Er erzählte von den jungen Leuten, von ihrem Suchen und Fragen, von Erlebnissen auf Wüstenwanderungen, von den Spannungen im täglichen Miteinander einer geschlossenen Gruppe, von Charakteren und Entwicklungen. Wie sich schüchterne und verklemmte Mädchen und Burschen zu selbstbewussten und lebenslustigen Persönlichkeiten entwickelten. Wie aus eingebildeten und verwöhnten Wohlstandskindern bescheidene und gruppentaugliche Personen wurden. Nicht ohne Stolz erzählte er, dass es ihm – wie schon bei vielen Hunderten Teilnehmerinnen und Teilnehmern seiner Kurse vorher – wieder gelungen sei, als Jesuit und Professor der Bibelkunde verborgene Fähigkeiten und verdrängte Talente aus den jungen Menschen herauszulocken. Während wir so locker dahinredeten, sagte er ganz auf einmal ruhig: „Jetzt steht ein Gespräch mit dem Schwiegervater an.“ Ich, verdutzt: „Was hast du mit meinem Schwiegervater zu besprechen?“ Seine Antwort: „Nein, nicht mit deinem, mit meinem.“

Was dann folgte, waren sein Austritt aus dem Jesuitenorden, Heirat, Wechsel der Konfession, beruflicher Neustart als Vikar einer evangelischen Gemeinde. Schritte, die viele irritierten, enttäuschten, denen sie mit Unverständnis begegneten. Die jesuitischen Mitbrüder zogen sich in ihren Orden zurück; die vielen von ihm geprägten jungen Menschen brachen den Kontakt zu ihm ab; seine katholischen Freundinnen und Freunde suchten Sicherheit in ihrer Konfession. Jeder und jede ging in seine vertraute Welt. Doch er war nicht allein, denn in dieser existentiell so bewegten Zeit schrieb er seine wichtigsten Bücher: eine leicht verständliche Biographie über das Leben Jesu; eine faszinierende Vergegenwärtigung des Werkes des Weltbürgers Paulus und einen Wegweiser in die Tiefendimension des Johannesevangeliums. Er war nicht allein, denn die Bibel trug ihn.

 

Eine ähnliche Stunde erlebt Jesus mit seinen Schülerinnen und Schülern. Im Blick auf sein endgültiges Schicksal sieht er klar und nüchtern, dass sie überfordert sind und sich aus dem Staub machen werden, ins Bekannte und Vertraute, in Gewohntes und Gesichertes, um die Stunde der Verhaftung ihres Lehrers und Freundes zu überstehen. Jesus versteht, dass sie ihn allein lassen werden. Aber er ist nicht allein. Bis zum letzten Atemzug begleiten ihn Worte seines Vaters, Worte der Bibel. Es werden Worte der Sehnsucht, der Vergebung und des Friedens sein.

Es gibt Momente, in denen man vieles verlassen muss und von vielen verlassen wird. Was trägt in solchen Augenblicken?