Eine Sicherheit, die das Rationale übersteigt

Ruth Zenkert

Wann wurde mir die letzte Sicherheit in einer Beziehung geschenkt?

Jetzt wissen wir, dass du alles weißt und von niemand gefragt zu werden brauchst. Darum glauben wir, dass du von Gott gekommen bist.
Joh 16,30

Seit der Geburt hat Angelica ihr Kind nie mehr gesehen. Es wurde ihr genommen und sofort zur Adoption freigegeben. Angelica tröstet sich damit, es sei besser für die Tochter, denn sie konnte damals nicht für sie sorgen. Ohne Vater für das Mädchen und ohne ein Zuhause war eine Familie nicht möglich. Das Leben im Kanal, Drogen, Prostitution, Gewalt bestimmten Angelicas Dasein. Immer wieder kam sie in unser Sozialzentrum, half mit, doch die Fesseln der Straße zogen sie wieder zurück.

Seit wir in Siebenbürgen für Roma-Kinder arbeiten, kam Angelica oft vorbei. Über zwanzig Jahre Freundschaft verbinden uns, in dieser Zeit gab es aber immer wieder schwierige Auseinandersetzungen. Dann sagte sie, sie wolle ganz zu bei uns bleiben. Kaum hatten wir alle Formalitäten mit den Behörden erledigt, stand sie mit ihrem Gepäck an der Straße und sagte, sie müsse zu ihrer Tante nach Bukarest. In diesem Winter ist sie wieder aufgetaucht. Wir gaben ihr eine neue Aufgabe: Zwei Mädchen aus einer verwahrlosten Familie aus dem Dorf, die wir bei uns aufgenommen hatten, brauchten Betreuung. Angelica nahm die Mädchen vom ersten Augenblick an wie eigene Töchter. Sie wohnen jetzt zu dritt in einem Zimmer. Es ist alles geordnet und sauber, wie die Kinder es nie erlebt hatten. Verstrubbelte Wesen entpuppen sich als hübsche Mädchen. Durch ihre eigene schwierige Lebensgeschichte hat Angelica einen unbefangenen Zugang zu den Mädchen. Die beiden hängen an ihr, Tag und Nacht, auch am Wochenende. Angelica ist eine wunderbare Mutter für die Kinder geworden. „Jetzt habe ich mein verlorenes Kind zurück, und sogar zwei“, sagt sie glücklich. Und ich weiß, dass sich unser langer und oft schwieriger Weg mit Angelica gelohnt hat.

Drei Jahre lang mühte sich Jesus um seine Schüler. Sie sollten Apostel werden, Gesandte an seiner Statt. Es war ein Lernen mit vielen Konflikten. Jesus warf seinen Schülern vor, dass ihr Glaube zu gering sei. Sie hatten kein Vertrauen. Nach geduldigen Belehrungen seufzte er: „Versteht ihr immer noch nicht?“ Er verzweifelte an ihnen: „Du ungläubige und unbelehrbare Generation! Wie lange muss ich noch mit euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen?“ Sie waren verstockt, feige, passiv. Doch plötzlich kam der Durchbruch, der Augenblick, in dem sie sich sicher wurden. Sie konnten sagen: „Jetzt wissen wir, dass du alles weißt und von niemand gefragt zu werden brauchst. Darum glauben wir, dass du von Gott gekommen bist.“

Manchmal erleben wir in Beziehungen eine Sicherheit, die das Rationale übersteigt. Eine Sicherheit, gewachsen durch Konflikte. Paare gewinnen den Mut, zu sagen: Wir bleiben beisammen, bis der Tod uns scheidet. Ich rechne nicht mehr nach, ob Vor- oder Nachteile überwiegen. Beziehungen gehen abenteuerliche Wege. Angelica ist zur Mutter geworden. Sie ist meine Freundin. Wir gehören zusammen, von Gott gefügt.