Eine Quelle der Achtsamkeit

Ruth Zenkert

Durch welche Wunde hast du ein Gespür für Gerechtigkeit bekommen? Welche Verletzung macht dich sensibel?

Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus.
Joh 19,34

Ich saß vor unserem Sozialzentrum Habakuk und ließ mich von der Sonne bescheinen. Nach dem strengen Winter genoss ich die Strahlen des Frühlings, noch mehr aber das lebhafte Treiben unserer Kinder, die sich am Spielplatz tummelten. Auffällig war, dass ein Mädchen nicht mitmachte. Sie hockte in der Ecke. Und wo war der neue Volontär? Erst jetzt entdeckte ich ihn mitten im Knäuel der raufenden Burschen. Alle hatten sich an Felix gehängt und wollten ihn zu Fall bringen. Dann befreite er sich – und ging zu dem Mädchen. Sie wandte sich ab, wollte nicht mit den anderen Kindern spielen. Die Burschen zerrten an seinem Pullover, doch er blieb bei dem Mädchen – bis sie plötzlich aufstand und mitmachte. Von ihr ließ er sich letztlich beim Raufen zu Boden strecken. Sie war glücklich.

Als wir über den Hügel heimgingen, fragte ich Felix: „Kennst du das Mädchen?“ Er überlegte: „Ich glaube, sie heißt Roxi. Ich weiß noch nicht alle Namen. Aber sie ist immer ausgestoßen, und ich will, dass sie dazugehört.“ Mich beeindruckte der Bursche und ich fragte ihn, wo er diese Achtsamkeit gelernt habe. „Weißt du, in der Schule ging es mir so beim Turnen. Beim Fußball durften die zwei Besten ihre Mannschaft auswählen, Mann für Mann. Wir standen in einer Reihe. Jeder wurde beim Namen gerufen – bis zum Letzten. Der war immer ich, weil ich schlecht im Sport und eine Belastung für die Mannschaft war. Der Lehrer hat mich dann der besseren Gruppe zugeteilt, die würde mich verkraften. Ich habe sehr gelitten.“

Wer selber einmal verletzt wurde, kann zu tieferer Beziehung fähig werden. So wird eine Wunde zur Quelle des Geistes. Des Geistes der Barmherzigkeit, der Freundschaft, einer Liebe, die über weltliche Interessen hinausgeht. Das beschreibt das Johannesevangelium mit einer Episode von der Kreuzigung Jesu. „Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus.“ Es ist ein römischer Soldat, ein Repräsentant der Völker, denen Jesus das Heil bringen will, der die Lanze in die Seite Jesu rammt. Aus dieser Aggression wird Gnade.

Blut und Wasser fließen aus dem Herzen Jesu. Blut ist das Bild für die Hingabe und Verbundenheit. „Wer … mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.“ (Joh 6,56) So stiftet Jesus seine Gemeinde aus den Völkern. Es ist die Blutsverwandtschaft zwischen ihm und denen, die zum Glauben an ihn kommen. Diese Verbundenheit erleben die Christen im Abendmahl. Und das Wasser ist das Symbol für den Geist. Jesus sagt über den Menschen, der sich ihm anschließt: „Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben.“ (Joh 7,38f). Wie das lebendige Wasser aus dem Leib Jesu fließt, so wird das Wasser aus dem Leib seiner Gemeinde fließen.

Es ist der Geist, wie ihn Felix hat, seine Achtsamkeit und sein Einsatz. Aus einer frühen Verletzung wurde eine Quelle tiefer Menschlichkeit.

Durch welche Wunde hast du ein Gespür für Gerechtigkeit bekommen? Welche Verletzung macht dich sensibel?