Eine Lebenslinie aus kurzen Zeiten

Ruth Zenkert

Ausharren in Geduld und Kräfte sammeln für die dunklen Tage.

Sie sagten: Was heißt das: eine kurze Zeit? Wir wissen nicht, wovon er redet.
Joh 16,18

Erschöpft kam der neue Volontär zu mir: „Ich schaff‘s nicht mehr! Tag und Nacht mitten unter den wilden Kindern, spät in der Nacht noch klopfen sie an der Tür, und wenn ich morgens aufwache, schauen Kinderaugen durchs Fenster herein.“ Ich redete mit seinem Kollegen Mihai, der mit ihm im Sozialzentrum arbeitete und wohnte. „Ihr müsst ein Programm machen, sonst hält keiner hier durch.“ Nein, Mihai wollte Tag und Nacht für die Kinder da sein. Er war glücklich, dass die Kinder ihn liebten und dass er als Betreuer angenommen wurde. Selbst auf der Straße aufgewachsen, wollte er für sie ein großer Bruder sein. „Gib acht auf deine Kräfte!“, rieten wir ihm. Er hielt sich nicht an das vereinbarte Programm, nach wie vor waren die Kinder ständig im Haus. Nicht lange danach lag auf meinem Tisch ein Zettel, auf dem in Krakelschrift stand: Ich kündige, Mihai. Was war passiert? Mürrisch meinte er, in seinem Alter brauche man mehr Geld, er wolle eine Familie gründen, und es sei überhaupt genug. „Wo willst du hingehen?“, fragte ich ihn. Egal, zurück auf die Straße, das sei seine Sache. Dann ließ er sich doch überreden, eine Woche Urlaub zu machen und sich in Ruhe die Sache durch den Kopf gehen zu lassen. Wenn er immer noch der Meinung sei, er wolle gehen, und eine gute Alternative gefunden habe, dann solle er weiterziehen. Nach einigen Tagen schickte er eine SMS mit Grüßen an alle Kinder. Und dann kam er zurück, ging direkt ins Sozialzentrum. „Mihai, was ist los? Wofür hast du dich entschieden?“, fragte ich ihn. „Ach so, das habe ich ganz vergessen … ist ja klar, ich bin hier zuhause, das ist meine Familie! Ich konnte es kaum erwarten, wieder zurückzukommen.“ Und schon war er wieder mitten unter seinen Kindern. Inzwischen gibt es ein Programm im Haus, und wenn wir am Abend zusammensitzen, schlüpfen immer einige dazu. Wir sind alle froh, dass Mihai wieder da ist und hoffentlich auch lange bleibt.
Kurze Zeiten. Wir haben glückliche Momente im Leben und Zeiten der Verzweiflung. Im Glück sind wir versucht, übermütig zu werden, im Unglück, alles aufzugeben. Ignatius von Loyola gibt uns in seiner „Unterscheidung der Geister“ einen guten Ratschlag dazu: Im „Trost“ entbrennt die Seele in Liebe und Glück, zieht hinauf und leuchtet. In der „Trostlosigkeit“ ist sie verfinstert, verwirrt, unruhig, neigt zu niedrigen und trägen Gedanken. Nun sagt Ignatius: „Wer in Trostlosigkeit ist, soll sich mühen, in Geduld auszuharren, die den über ihn hereinbrechenden Heimsuchungen entgegenwirkt. Und er möge bedenken, dass er bald wieder getröstet sein wird, wenn er allen Fleiß gegen eine solche Trostlosigkeit einsetzt. Wer sich im Trost befindet, bedenke, wie er sich in der Trostlosigkeit benehmen werde, die später kommen wird, indem er für jene Zeit neue Kräfte sammelt.“ Beide Zeiten reihen sich aneinander, und so wird alles zu einer Lebenslinie. In Zeiten des Glücks übernehmen wir uns nicht, die schweren Zeiten stehen wir durch.
So können wir auch Jesus verstehen. Er geht weg von seinen Freunden, aber nur für kurze Zeit. Auf die Zeit der Trauer folgt die Zeit der Freude.