Eine junge Frau besiegt den Gewalttäter

Georg Sporschill SJ

Wie gelingt es, Machtverhältnisse umzudrehen? Wo hast du eine Bedrohung mit Mut und Geschick überwunden?

Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt? 

Joh 18,34

Hinter der Glastüre am Eingang des Sozialzentrums standen einige mutige Hausbewohner und starrten gebannt auf die Straße. Der Polizeieinsatz der vergangenen Nacht saß ihnen noch in den Knochen. Jetzt stand Moise mit einem Pflasterstein in der erhobenen Hand draußen, er genoss es sichtlich, die Leute im Haus mit seinen Drohungen zum Zittern zu bringen. Zumal es nicht das erste Mal war, dass er die Türe zertrümmert hatte. „Leg den Stein weg, sonst bekommst du Hausverbot!“ bis „Wir haben dir doch nichts getan!“ half nichts, im Gegenteil, Moise wurde immer wütender. Einer holte die Hausleiterin um Hilfe. Es war eine zierliche junge Frau. Sie öffnete die Türe und fragte Moise: „Kannst du mir erklären, warum ich so sehr in dich verliebt bin?!“ Langsam und lachend ging sie auf ihn zu, bis sie neben ihm stand und aus der Schusslinie war. Moise konnte nicht anders als lachen und fand keine Antwort. Sie umarmte ihn und er merkte gar nicht, wie er den Stein fallen ließ.

Mit einer Frage hat die Hausleiterin den Eindringling entmachtet. Nichts anderes hat Jesus vor Pilatus getan. Der gefesselte Jesus, machtlos, steht vor dem prächtigen römischen Statthalter, der über Tod und Leben zu entscheiden hat. Das Gegenüber erinnert an den kleinen Hirtenjungen David, mit Lederbeutel und ein paar Steinen vor dem großen Goliath mit scharfem Schwert und einer klirrenden Rüstung. David fürchtet sich nicht vor dem Krieger aus dem Philistervolk. Er besiegt den Übermächtigen mit Mut und Geschick. Tausend Jahre später steht einer aus dem Stamm Davids dem mächtigen Römer Pilatus gegenüber. Wieder ergreift der Machtlose die Initiative, wie der Hirtenjunge wird er zum Angreifer. Jesus übernimmt die Befragung des Richters.

Wer einen solchen Rollentausch riskiert, ist entweder verrückt oder eine geniale Führungsgestalt. Für David spricht der Erfolg. Jesus erringt die Hochschätzung des Pilatus, dieser behandelt ihn nicht wie einen Verbrecher, sondern wie eine Führungskraft. Das zeigt seine feige Antwort, die er nicht nötig hätte: „Bin ich denn ein Jude? Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan?“ (Joh 18,35). Es klingt wie eine Ausflucht, Pilatus ist in die Defensive geraten. Es ist Jesus, dem Psychologen, wie seinem Vorfahren David gelungen, die Machtverhältnisse umzudrehen. Dasselbe hat die Hausleiterin mit ihrer witzigen Frage beim gefährlichen Angreifer erreicht.

Es gibt eine äußere Macht, aber auch eine innere. Den Mächtigen ärgert die Unabhängigkeit des Schwachen, seine geistige Kraft. Ich darf selbst in der Überforderung durch eine Übermacht auf den Geist vertrauen. Wer sich mit äußerer Macht durchsetzt, erringt einen Pyrrhussieg. Die wahre Größe ist auf der Seite des Lauteren, des Gerechten, dessen, der authentisch ist.

Wo ist es mir gelungen, eine Übermacht mit seelischer Kraft zu besiegen? Wie gelingt es, Machtverhältnisse umzudrehen? Wo habe ich eine Bedrohung mit Mut und Geschick überwunden?