Eine Initiative gegen die Flut

Ruth Zenkert

In welchem Lebensjahr hast du einen Auftrag übernommen? Einen Auftrag, gegen den Strom des Untergangs einen mutigen Versuch zu wagen?

Noach war sechshundert Jahre alt, als die Flut, das Wasser, über die Erde kam.
Gen 7,6

 

Eine aufgebrochene Türe und Chaos in den Räumen empfingen Alina, die Leiterin des Sozialzentrums Susanna, als sie am Morgen aufsperren wollte. Hier hatte offenbar jemand in der Nacht sein Unwesen getrieben. Es fehlten einige Lebensmittel, sonst war nichts gestohlen. Sie rief die Polizei. Spuren wurden gesichert, und wenig später kamen zwei Polizisten mit Marius, den sie an seiner zerschlissenen Jacke grob mit sich zerrten. Er ist aus der Nachbarschaft im Roma-Viertel, alleinstehend, ohne Unterkunft. Wo er gerade am Abend unterwegs ist, dort übernachtet er. Oft kam er auch im Sozialzentrum vorbei, immer hilfsbereit für kleine Aufgaben in Haus und Hof.

Die Polizisten stießen den Übeltäter ruppig auf einen Hocker. Von draußen schauten neugierige Bewohner aus dem Viertel herein und beschimpften ihn. Er sei ein Trottel, das komme davon, dass er seine Frau so schlecht behandelt habe, jetzt endlich habe er die Strafe für seine Betteleien, es sei höchste Zeit, dass er hier wegkomme. Betreten saß er da und schaute auf den Boden. Alina war sauer. Sie hatte ihn immer unterstützt, ihm auch Essen und Kleider gegeben. Und jetzt war ausgerechnet er eingebrochen? „Es tut mir leid“, stammelte er, „ich war betrunken, es war so kalt heute Nacht, ich konnte nirgends hin.“ Die Polizisten versetzten ihm einen Schlag und sagten, er solle das Maul halten. Alina wurde aufgefordert, die Fakten für die Anzeige zu diktieren. Als sie ihren Namen und die Ausweisnummer genannt hatte, hielt sie plötzlich inne. Sie bat die Polizei, vorher unter vier Augen mit dem Delinquenten sprechen zu dürfen, und schickte alle hinaus. „Marius, wenn ich dir eine Unterkunft und eine Beschäftigung in unserer Landwirtschaft besorge, wirst du dann arbeiten?“ Marius versprach, dass er alles tun werde, um den Schaden gutzumachen. Wenn er keine Wohnung und nichts zu essen habe, dann bleibe ihm ja nichts anderes übrig, als wieder zu stehlen. Marius bekam ein Zimmer. Jeden Tag steht er nun pünktlich vor dem Stall, um mit Liviu die Tiere zu füttern und auszumisten.

Alina erinnert mich an Noach, allerdings ist sie erst vierzig Jahre alt und nicht sechshundert. Sie hat in der Corona-Zeit eine unglaubliche Leistung vollbracht. Mehr Menschen als früher drängen ins Sozialzentrum. Kinder kommen zum Lernen, weil sie nicht in die Schule können, Mütter betteln um Brot, andere suchen Hilfe, weil die Gewalttätigkeiten zuhause zunehmen. Mit Maske lässt sie Groß und Klein herein, obwohl die Abstandsregeln schwer einzuhalten sind. Wie durch ein Wunder ist der Virus, der das Dorf erfasst hatte, nicht in das Roma-Viertel gedrungen. Aber zuletzt hatte die Ablehnung gegen Marius die Leute infiziert. Der starke Instinkt der Barmherzigkeit ließ Alina widerstehen und zur Retterin werden. Wie bei Noach lebt sie in einem großen Jahr, das in ihrem Leben und für viele entscheidend ist. Wie Noach baut sie eine Arche, einen Hort gegen die Flut des Negativen, der Armut, der Verwahrlosung, des Hasses, der Diskriminierung.

In welchem Lebensjahr hast du einen Auftrag übernommen? Einen Auftrag, gegen den Strom des Untergangs einen mutigen Versuch zu wagen?