Eine Ahnung von Ewigkeit

Josef Steiner

Im Leben Bleibendes zu schaffen ist des Menschen Sehnsucht. Wo ist mir etwas gelungen, das Bestand hat? Welche Motivation gab mir die Kraft?

 
Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast.
Joh 17,3

 
Die Schüler des Rabbi Mordechai von Neshiz, so erzählt Martin Buber in seinen Chassidischen Geschichten, diskutierten einmal über die Motive, warum man zu einem spirituellen Lehrer und Meister fahren sollte, um dem Leben Ausrichtung, Tiefe und Sinn zu geben. Seine Antwort war: „Das Fahren zu geistigen Lehrern hat viele Gesichter. Einer fährt zum Lehrer, um zu erfahren, wie man mit Furcht und Liebe betet; ein anderer, um sich die Kunst anzueignen, wie man die Weisungen der Bibel um ihrer selbst willen lernt; wieder ein anderer, um höhere Stufen des geistigen Lebens zu ersteigen, und so fort. Aber all dies darf nicht die wesentliche Absicht sein. Jedes von diesen Dingen kann erlangt werden, und dann braucht man sich nicht mehr darum zu mühen. Sondern die einzige wesentliche Absicht ist, Gottes Wirklichkeit zu suchen. Dies hat kein Maß und kein Ende.“

Damit beschreibt der Rabbi auch Jesu Lebenswerk. Das war sein Programm: jedem, der offen und auf der Suche war, die Tür zur Bibel aufzuschließen und ihn so in die Welt Gottes mit hineinzunehmen. Mit seinen Worten: Jeden Menschen, der zu mir kommt, führe ich zum Vater. Jesus konnte so reden, weil er selber, von klein auf, tagaus, tagein als Gottsucher lebte und die Beziehung zu ihm aus ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all seinen Kräften am Beginn des Tages und an seinem Ende in die Mitte stellte. Weil er nächtelang um die Ausrichtung seines Berufes rang und nach Gottes Willen fragte, wie er ihn ausüben solle. Weil er in der Gestaltung des Alltags und in den täglichen Begegnungen Worte und Menschenbild der Bibel Fleisch und konkret werden ließ. Die Kranken und Gefesselten führte er in die heilende und befreiende Nähe des Arztes Gott. Die Sünder und Verirrten brachte er durch Gottes Erbarmen auf den rechten Weg. Den Armen und Kleinen gab er die ihnen in den Augen Gottes zustehende Würde und Größe. Die Mächtigen und Starken erinnerte er mit harten Worten an die Verantwortung, die sie von Gott her hatten. Die lernwilligen Frauen und Männer nahm er in seine „göttliche“ Bibelschule. So entstand ein Lebenswerk, das Bestand hat. Und von dem Jesus selbstbewusst am Ende sagen konnte: „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast.“ Er wollte den Seinen eine Ahnung von Ewigkeit schenken, von einem Leben in Tiefe und den Weg dazu.

Ignatius hat diesen Weg aufgenommen. Und in besonders beeindruckender Weise sein Mitbruder Alfred Delp, der am 17. November 1944 mit gefesselten Händen einen Kassiber aus dem Gefängnis schrieb: „Die Welt ist Gottes voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.“ Rabbi Mordechai, der Messias Jesus, die Jesuiten Ignatius und Delp – Gottsuche war aktives und lebendiges Prinzip in ihrem Leben. Sie schufen Bleibendes, Gültiges. Wo ist mir etwas gelungen, das Bestand hat? Welche Motivation gab mir die Kraft? Wer zeigte mir den Weg?