Ein verführerisches Angebot

Max Heine-Geldern SJ

Wenn sich Argumente zu winden beginnen.   

„Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben.“

Gen 3,4

Was für ein Jahr! Kaum war ich über die Türschwelle des Architekturstudios getreten, fiel mir Arbeit zu, wurde mir Verantwortung übertragen, konnte ich meiner Kreativität freien Lauf lassen. Jeden Monat hielt ich stolz meinen Gehaltsscheck in den Händen. Nach drei Jahren Studium war ich mit 22 Jahren in der Architektenwelt angekommen. Ein neues Gefühl der Freiheit ergriff mich.

Eine Freiheit, in der ich meine innere Lebenswahl prüfen wollte. Denn obwohl mir das Architekturstudium viel Freude bereitete, war mein Herz nicht ruhig. Spürbar anders schlug es, wenn ich betete oder meinen Glauben teilte. Innerlich hatte ich mich schon im ersten Studienjahr entschieden: Ich wollte Priester werden. Am liebsten hätte ich gleich mit dem Theologiestudium begonnen, doch mein geistlicher Begleiter empfahl mir, meine Ausbildung abzuschließen. Das hieß damals noch mindestens weitere vier Jahre! Also stürzte ich mich ins Studium und beendete nach weiteren zwei Jahren den ersten Abschnitt. Nun brauchte ich Frischluft. Ich wollte ein Jahr im Ausland arbeiten und wissen, wie es um meinen Glauben stand, wenn ich unabhängig, in einem völlig anderen Umfeld lebte. Gott sei Dank fand ich einen Job bei Thomas Heatherwick. Er bot mir den idealen Rahmen für eine gute Unterscheidung. Denn hier ging mein Architektenherz auf. Gleichzeitig geizte London nicht mit seinen Reizen.

Gegen Ende meines Jahres hatte ich mein Auswertungsgespräch mit Thomas. Er überraschte mich mit einem verführerischen Angebot. Noch ein Jahr, nicht mehr als Assistent, sondern als Project-Leader. Mehr Verantwortung und viel mehr Gehalt. Was für eine Auszeichnung! Ein Stimmengewirr brach in mir los. Bleib deinem Plan treu! Schließe dein Studium ab!, rief mir die eine zu, während die andere mir zuflüsterte: Darauf hast du doch keine Lust. Du willst ja gar nicht Architekt werden. Schau, nun hast du drei Jahre studiert und wenn du noch ein Jahr bleibst, hast du fünf Jahre Ausbildung abgeschlossen. Dann kannst du endlich mit dem Theologiestudium beginnen. Außerdem braucht dich Thomas jetzt. Es fehlt an fähigen Mitarbeitern.

So wanden sich meine Gedanken, knüpften langsam eine in sich schlüssige Argumentationskette und verdrängten meinen ursprünglichen Entschluss, für ein Jahr zu bleiben und dann den zweiten Studienabschnitt abzuschließen.

Ähnlich glatt winden sich die Argumente der Schlange, um die Frau immer mehr in ihren Bann zu ziehen. Zunächst streut sie Zweifel und zeichnet anschließend eine verlockende Zukunft. Es sei doch gut, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. Der Mensch hätte dann mehr Freiheit und wäre womöglich noch ein besserer Mitarbeiter Gottes! Den Höhepunkt der Verwirrung erreicht die Schlange, indem sie dem Menschen ewiges Leben verspricht. Hier erhebt sich dieses schuppige Geschöpf zum Schöpfer selbst. Wort für Wort versucht es, einen Keil in die Gemeinschaft zwischen den Menschen und dem Herrn des Lebens zu treiben, und bringt so den Tod als Trennung zwischen Schöpfer und Geschöpf.

Meine Zukunftspläne erschienen mir schlüssig. Allerdings konnte mein Gedankenmodell nicht einmal kleinen kritischen Anfragen eines guten Freundes standhalten. Er hörte genau die feinen Klänge der Eitelkeit, die mich sukzessive von Gott trennten. Ein weiteres Jahr in London hätte unsere Gemeinschaft sicherlich nicht vertieft, und ich musste bald feststellen, dass Thomas auch ohne mich erfolgreich wurde.