Ein Traum, der sich von menschlichen Möglichkeiten nicht fesseln ließ

Georg Sporschill SJ

Ein Traum, der sich von menschlichen Möglichkeiten nicht fesseln ließ Was ist mein größter Wunsch, der sich nicht an einen Menschen bindet, sondern ins Unendliche geht?
Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.
Joh 15,7

„Rabe“: So riefen die Kinder den elfjährigen Catalin, den seine Mutter zu uns ins Kinderhaus gebracht hatte, weil zuhause bei den vielen Kindern zu wenig Platz war. Rabe wegen seines dunklen Gesichts. Das machte den Buben wütend und schwierig. Erst als Catalin musizieren durfte, ging er in die Schule. In unserem „Rosenorchester“ spielte er Horn. Nach zwei Jahren gewann er bei einem internationalen Musikwettbewerb den Ersten Preis. Da vertraute er mir seinen Traum an, in Salzburg Musik zu studieren. Er hatte keine Ahnung, wie schwer ein solches Ziel zu erreichen sei, hörte auf keine Einwände. Bei jedem Abendgebet wiederholte er die Fürbitte: „Lieber Gott, hilf mir, in Salzburg zu studieren!“ In meiner Ratlosigkeit empfahl ich ihm, bei einem Benefizkonzert in Wien öffentlich seinen Wunsch zu sagen. Tatsächlich meldete sich eine Familie, die ihm nach der Matura das Studium ermöglichen wollte. Darauf wurden Catalins schulische Leistungen immer besser, sein Traum beflügelte ihn. Er machte die Matura, lernte Deutsch und erreichte die Zulassung zum Musikstudium in Wien. Heute übt Catalin täglich vier Stunden Wiener Horn und spielt in einer Band. Ich hatte seine Bitte nicht erfüllen können, und doch war der Traum immer stärker geworden. Das Vertrauen des Kindes ging weit über mich hinaus. „Ich wusste, dass Gott mir helfen wird“, sagt er, während ich dies schreibe.

Catalin hat den Ratschlag Jesu aufgenommen: „Bittet um alles, was ihr wollt und es wird euch geschehen.“ Sein Vertrauen ließ sich von meinen Möglichkeiten nicht einschränken. Er überwand meinen Kleinmut und erhoffte ein Wunder. Die Geborgenheit, die er in der Gemeinschaft des Kinderhauses gefunden hatte, und sein inniges Beten überwanden alle Grenzen. Das Kind richtete seine Bitte nicht an den Menschen, sondern sagte sie in die größere Welt Gottes hinein.

Jesus sagt seinen Schülern, wie das Bitten erfolgreich werden kann. Die einzige Bedingung dafür ist, in Jesus zu bleiben, mit ihm zu wohnen. Und er erklärt, wie das geht: „Wenn meine Worte in euch bleiben.“ Wir haben seine Worte im Neuen Testament. Seine Schüler lesen es und spüren auch heute, wie eine geistige und geistliche Kraft daraus fließt. Wir hören täglich mit unseren Kindern die Worte aus der Bibel oder wir singen sie in Liedern. So stärken wir uns gegenseitig in einem Vertrauen, das jeden in seine Zukunft führt.

Es gibt Bitten, die Menschen nicht erfüllen können. Bitten, die überfordern oder Angst machen. Es ist möglich, solche Bitten einer größeren Welt anzuvertrauen und auf Wunder zu hoffen. Dann gewinnt ein Traum eine unglaubliche Kraft, die menschliches Planen übersteigt. Gott überrascht.

Wann hatte ich in meinem Leben einen Traum, der immer stärker wurde und sich von den sichtbaren Möglichkeiten nicht fesseln ließ? Was ist jetzt mein größter Wunsch, der sich nicht an einen Menschen bindet, sondern ins Unendliche geht?