Ein starker Trost

Josef Steiner

Bei Abschied, Trennung und Tod Worte hören und Zeichen erleben, die Kraft geben, ist ein Geschenk.

Amen, amen ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln.
Joh 16,20

Völlig geknickt saß sie am Wohnzimmertisch. Tränen über Tränen. Lange hatten sie und ihr Mann sehnsüchtig auf ein Kind gewartet. Immer neu gehofft, auch schon überlegt, andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Und tatsächlich, das Unerwartete trat ein, sie wurde schwanger. Doch dann nach zwei Monaten plötzlich kein Lebenszeichen mehr im Mutterschoß. Die schockierende Nachricht der Frauenärztin bei der Untersuchung: „Ich finde keine Herztöne.“ Mit den Worten „Komm morgen wieder, dann schauen wir noch einmal und reden über alles“ gab die Ärztin ihr einfühlsam eine Nacht, mit diesem niederschmetternden Befund umgehen zu lernen. Am Ende des Leidensweges stand eine schmerzhafte Trennung von ihrem Kind, unter Vollnarkose im Krankenhaus. Auf die Frage, ob sie sich in irgendeiner Form vom toten Kind verabschieden könnte, der realistische Hinweis des Arztes, dass beim Ausschaben der Gebärmutter Kind, Plazenta, Schleim und Blut nicht mehr getrennt werden könnten, das alles werde mit dem Müll in der Klinik entsorgt. Groß der Verlust, unendlich der Schmerz, tief die Trauer. Tränen über Tränen, sprachlos alle, Stille im Raum.

Ein halbes Jahr später: derselbe Raum, derselbe Tisch, dieselbe Frau. Ruhig und gefasst griff sie in ihre Tasche und legte ein Ultraschallbild auf den Tisch, mit den Worten: „Schaut es euch genau an.“ Es zeigte Zwillinge, zweieiige, deutlich getrennt sichtbar. Ein Kind verloren, zwei geschenkt bekommen. Trauer, Schmerzen, Tränen, Kummer verwandelt in Zuversicht, Hoffnung, Freude, Lachen.

Jesus sind Tränen nicht fremd, weder eigene noch die anderer Menschen. Als ihm einer seiner besten Freunde, Lazarus, wegstirbt, taucht er mit allen Trauernden ein in gemeinsames Wehklagen und Weinen. Als er auf seine geliebte Stadt Jerusalem schaut und sieht, wie sie durch eine falsche Politik dem Untergang und der Zerstörung zuschlittert, treibt es ihm Tränen in die Augen. Andererseits setzen Tränen anderer Menschen in ihm große Kräfte frei. So kann er den Eltern des Hauses Jairus, vor Kummer zermürbt, dass sie ihre einzige, zwölfjährige Tochter verlieren sollen, sagen: Weint nicht, sie schläft nur. Und das Mädchen auf diese Weise im familiären Beziehungsnetz stärken und ihm zum Erwachsenwerden helfen. Oder wie Jesus, erschüttert von der Klage einer Witwe um ihren einzigen verstorben Sohn, den Todeszug in der Nähe des Städtchens Nain aufhält und den jungen Mann von der Todesbahre hebt. Einfühlsam erahnt er darum auch die Betrübnis und den Schmerz der Seinen über sein Weggehen und seinen nahen Tod, sodass er ihre Trauer mit der Verheißung verbindet: „Ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln.“ Bei Abschied, Trennung und Tod Worte hören und Zeichen erleben, die Kraft geben, ist ein Geschenk.