Ein Schlag ins Gesicht

Josef Steiner

Strafen sind Reaktionen auf Fehlentwicklungen, Irrwege und Bedrohungen. Sie müssen gerecht sein und die Richtigen treffen.

Auf diese Antwort hin, schlug einer von den Knechten, der dabeistand, Jesus ins Gesicht und sagte: Redest du so mit dem Hohenpriester?

Joh 18,22

Martin Buber hat in seiner Sammlung chassidischer Geschichten eine schöne Erzählung von Rabbi Jizchak von Worski festgehalten. „Als ich einmal mit meinem heiligen Lehrer, Rabbi David von Lelow, unterwegs war und wir in einer fernen Stadt verweilten, fiel plötzlich auf der Gasse eine Frau über ihn her und schlug auf ihn ein. Sie glaubte in ihm ihren Mann zu erkennen, der sie vor vielen Jahren verlassen hatte. Als nach wenigen Augenblicken der Irrtum sich klärte, brach sie in ein fassungsloses Weinen aus. ,Sei ruhig´, sagte Rabbi David zu ihr, ,du hast doch nicht mich, sondern deinen Mann geschlagen.´ Und er fügte leiser hinzu: ,Wie oft schlägt man auf einen ein, weil man ihn für einen anderen hält, als er ist!´“ Eine Karfreitagsgeschichte.

Warum ein Diener beim Verhör vor dem Hohenpriester auf Jesu sachliche und von ihm respektvoll vorgetragene Worte mit einer Ohrfeige reagiert und ihn damit demütigen, erniedrigen, verletzen will, welche Motive ihn dabei treiben, wissen wir nicht. Will er sich vor dem Hohenpriester profilieren und beliebt machen? Hervortun durch Unterwürfigkeit und vorauseilenden Gehorsam? Vermutetes und erwünschtes Verhalten vorwegnehmen? Ein devoter und angepasster „Untertan“? Oder ist es sein Eifer, sein Engagement, die für die Sache des Untersuchungsgremiums kämpfen? Die um dessen Probleme und Sorgen wissen? Die im Übereifer reagieren und die Bestrafung andeutend vorwegnehmen? Ist der Diener ein spiritueller Zelot? Denn die Bibel kennt Strafen. Sie sind als Bollwerk gegen die menschliche Lust, Böses zu tun, gedacht. Pädagogisch formuliert: Wo keine Strafe verhängt wird, ist die Bosheit schnell am Werk. Die uns fremde Synagogenstrafe, bestehend aus einer der Schuld entsprechenden Anzahl von Rutenschlägen, war vorgesehen bei gemeinschaftsschädigendem Verhalten, bei spiritueller Irreführung der Menschen und bei Zerstörung zwischenmenschlicher Beziehungen.

Von all dem kann bei Jesus keine Rede sein. Sein Werk ist nicht gemeinschaftsschädigend, sondern im Gegenteil gemeinschaftsstiftend. Er hat Menschen nicht spirituell in die Irre geführt, sondern ihnen neue geistige Welten geöffnet. Und er hat nicht menschliche Beziehungen zerstört sondern sie vertieft. Darauf weist er das Untersuchungsgremium vor dem Hohenpriester hin. Darum trifft die Ohrfeige des Dieners einen Falschen. Sie ist ein entehrender Schlag ins Gesicht Jesu. Gegen solche Ungerechtigkeit wehrt er sich. In dieser Situation gilt sein „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, halte ihm auch die andere hin!“ nicht. Ungerechtigkeit muss aufgedeckt und nicht bagatellisiert, schwächlich ertragen oder spirituell überhöht werden.

Strafen sind Reaktionen auf Fehlentwicklungen, Irrwege und Bedrohungen. Sie müssen gerecht sein und die Richtigen treffen, sonst wirken sie kontraproduktiv und fallen auf den Strafenden zurück.