Ein Moment der Überforderung

Josef Steiner

Manchmal wird es im Leben eng. Wo stand ich kurz davor, eine Beziehung, ein Projekt, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu verleugnen?

Einer von den Dienern des Hohenpriesters, ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte, sagte: Hab ich dich nicht im Garten bei ihm gesehen?

Joh 18,26

Er muss vieles verlassen, der achtjährige, beliebte, gut erzogene, kontaktfreudige Bruno aus gutem Haus, als sein Vater, ein strammer Soldat, aus Berlin als Kommandant in ein Arbeitslager nach Polen abkommandiert wird. Abschied von einem schönen Haus, voll Wärme, erfüllt von Lachen, Musik, Leichtigkeit und Liebe. Abschied von Schulfreunden und Spielkameraden, die wie kleine, wilde Vögel durch die Straßen, Spielplätze und Häuserfluchten Berlins fliegen. Er muss umziehen in ein Haus aus Beton, kalt, abweisend, mit vergitterten Fenstern, gedrückter Atmosphäre, heimlichem Flüstern, gespenstischer Ruhe. Allein stehend, keine Kinder, keine Schule, kein Leben, nichts. Versteckt hinter Bäumen, geschützt durch einen Stacheldrahtzaun, ein „Bauernhof“, wie ihm die Erwachsenen versichern. Einsamkeit und Forschungsdrang treiben Bruno zu diesem Zaun. Dort trifft er auf einen anderen achtjährigen Buben, verdreckt, schüchtern, glatt geschoren, ausgezehrt. Schmuel heißt er. „Warum trägst du so einen komischen Namen? Warum hast du den ganzen Tag den Pyjama an? Was bedeutet die Nummer auf deiner Jacke? Ist das ein besonderes Spiel? Warum bist du hungrig? Bekommst du nichts zu essen?“ Das sind Brunos Fragen an Schmuel. Schritt für Schritt entwickelt sich zwischen beiden eine berührende  Freundschaft, die Bruno in einen Konflikt bringt. Zuhause ein Reden über diese „Bauern“, die Juden sind, also gar keine Menschen, sondern Schmarotzer, Schädlinge, Ratten; gipfelnd in der Aussage seines Hauslehrers: „Wenn du einen netten Juden findest, wärst du der beste Forscher der Welt!“ Und hier am Zaun die immer stärker werdende Beziehung zu einem empfindsamen, dankbaren, ehrlichen, sympathischen Freund.

Als Schmuel einmal zum Gläserputzen in das Haus des Kommandanten abgestellt ist, trifft er Bruno, der ihm ein Stück Kuchen gibt. Da platzt der Adjutant herein, sieht Schmuel kauen und brüllt: „Du Schwein, du stiehlst auch noch!“ Schmuel: „Das gab mir Bruno, mein Freund.“ Der Adjutant: „Stimmt das?“ Bruno: „Nein, ich kam herein, und er hat das genommen. Ich habe ihn in meinem Leben noch nie gesehen.“ Unvergesslich dieses Szene aus Mark Hermans Film „Der Junge im gestreiften Pyjama.“ Ein Moment der Überforderung.

Petrus ist mutig. Er hat sich weit in das gefährliche Gelände der Nachfolge Jesus gewagt. Jetzt aber wird es ihm zu heiß am wärmenden Feuer im Hof des Hohenpriesters. Sein Gesicht, das Gesicht des Petrus, der bei der Verhaftung Jesu Malchus das Ohr abgehauen hat, wird sich dessen Verwandter gemerkt haben. Das ist schon der Dritte, der nach seiner Beziehung zu dem Gefangenen nachbohrt. In seiner Bibel gilt das Zeugenrecht: Eine Sache wird durch zwei oder drei Zeugen als wahr erwiesen. Für Petrus ist jetzt klar. Seine Nähe zu Jesus ist endgültig aufgedeckt. Wie darauf reagieren? Ein Moment der Überforderung.