Ein Mensch, der andere zum Blühen bringt

Georg Sporschill SJ

 

Der Gärtner als Urbild der Führung. Er pflanzt, gießt, hütet, er entfernt auch das Unkraut.

Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.

Joh 20,15b

Als Polizeichef genoss Nicu in Marpod höchste Anerkennung. Natürlich war es ein Vorteil, sich mit ihm gut zu stellen, da er bei kleinen Vergehen Nachsicht zeigte. Er kannte jeden im Ort, und wenn einmal eingebrochen wurde, ahnte er, wer der Täter war, und kam ihm auf die Spur. Auch bei uns wurde einmal etwas gestohlen. Aber statt den Dieb zu bestrafen, redete er ihm geduldig zu, bis der Mann die Beute zurückbrachte. Inzwischen ist Nicu pensioniert. Jetzt betreibt er sein Hobby als Beruf: Er leitet eine kleine Baufirma. Mit uns baut er Häuser für arme Roma-Familien. Nicu ist nicht mehr Polizist, den Respekt der Leute hat er umso mehr, denn er ist ein guter Chef. Seine Mannschaft findet er in der Umgebung, alle sind froh, dass sie arbeiten können. In seinem Team sind jetzt nicht nur die Bauleute, sondern auch Väter der Familien, für die ein Haus gebaut wird. Das ist nicht immer leicht, denn sie haben nichts gelernt und verlangen viel Geduld, weil sie nicht gewohnt sind zu arbeiten. Heute sind sie nicht da, morgen gehen sie früher, übermorgen gibt es Streit. Nicu bringt die Männer immer wieder zusammen. Burciu fehlte oft. Dann brauchte er Geld, weil seine Frau krank sei. Nicu gab ihm einen Vorschuss. Am nächsten Tag kam er nicht zur Arbeit. Nicu klopfte an seiner Tür, die Frau – quicklebendig – sagte, er sei nach Deutschland gefahren. Zwei Wochen später tauchte Burciu wieder auf, es sei nichts geworden in Deutschland, er habe gehofft, dort mehr zu verdienen. Nicu nahm ihn wieder auf, er forderte nicht einmal den Vorschuss zurück. „Er wird wachsen und ein zuverlässiger Arbeiter werden.“

Nicu ist in unserer schwierigen Gemeinde so etwas wie ein Gärtner. Ihn könnte Maria von Magdala gut nach Jesus fragen, so wie sie den Unbekannten am Grab Jesu fragte. Denn „sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.“ Falsch war ihre Annahme nicht. Sie hat Jesus nicht mit dem Gärtner verwechselt, sondern das richtige Bild für den Menschensohn gefunden, den Menschen, der von ihr das Unkraut – die Dämonen – entfernt hatte. Nach Paulus war Jesus tatsächlich ein Gärtner, eine Anspielung auf Adam, dem Gott den Garten Eden anvertraut hatte, „damit er ihn bearbeite und hüte“ (Gen 2,15). Auch Jesus soll einen Garten anlegen. Wie in Israel soll unter den Völkern eine neue Kultur entstehen, mit Menschenrechten und Schutz der Schwachen. Die neuen Pflanzen sollen Früchte tragen und viele ernähren. Die Welt braucht Gärtner.

Maria von Magdala hat im Gärtner Jesus erkannt. Ähnlich sehen unsere Kinder im Baumeister Nicu den Gärtner. Sie wollen ihn holen und berühren: den Menschen, der sie zum Blühen bringt.

Es ist ein Glück, in der Erziehung und in Leitungsfunktionen einem Gärtner zu begegnen. Er kennt die unterschiedlichen Böden. Er sät, pflanzt, hütet, und er entfernt auch das Unkraut.