Ein Meister der Zerstreuung

Max Heine-Geldern SJ

Auf dem Weg von Nod nach Eden.

So zog Kain fort, weg vom Herrn, und ließ sich im Land Nod nieder, östlich von Eden.
Gen 4,16

Pater Adolfo Nicolás ist fortgezogen. All sein Leben hat er dem Jesuitenorden gedient. Als er merkte, dass seine Kräfte ihn verließen, entschied er mit 80 als Ordensgeneral zurückzutreten. Seine letzten Jahre führten ihn zurück nach Japan, wo der Spanier mehr als die Hälfte seines Lebens verbracht hatte. Er war ein Mann beider Kulturen.
Mitbrüder erlebten Nico als Freund. Einen Menschen, in dessen Gegenwart man sich willkommen fühlte. Mit großer Freundlichkeit ging er auf seine Nächsten zu, egal ob römischer Kurienkardinal oder malaysischer Kleinbauer. Seine Intelligenz entfaltete sich nicht in abstrakten Theorien, sondern berührte die konkrete Welt, gab sich nicht mit dem Oberflächlichen zufrieden und bohrte in die Tiefe. Daran erinnerte er uns stets: Geht in die Tiefe! Das ist, was unsere zerstreute Welt von uns erwartet. Er wusste sich als Pilger, ständig unterwegs, die Augen offen. Als General riet er seinen leitenden Mitbrüdern stets den Menschen zu vertrauen, denen sie dienen anstatt sie durch ihre ausgefeilten Pläne einzuschränken. Denn letztlich leitet uns alle derselbe Geist. Wir sind nicht allein unterwegs. Dieser Glaube formte sein ganzes Wesen. Jungen Mitbrüdern wünschte er, dass sie glückliche Jesuiten werden, denn sie seien Diener einer frohen Botschaft. Aber um glücklich zu sein, müssten sie frei sein. Eine Freude ohne Konditionen, ohne Wenns. Diese Freude kann nur geschenkte Freude sein. Deswegen war für ihn selbstverständlich, dass Freiheit letztlich in der Beziehung zu Jesus Christus, in Gott, entsprang.

Von dieser Quelle der Freiheit und Freude zog Kain fort. Sein Weg führte ihn nach Nod, was mit „Unrast“ übersetzt werden kann. Sich in der Unrast niederlassen beschreibt, von ihr gefangen zu sein. Ständig auf der Suche nach Bestätigung, nach Sinn, nach Sicherheit und Annahme, vom Wenn getrieben. Dabei wäre das Paradies, der Ort der Wonne, des Friedens, gar nicht so weit entfernt. Eden ist noch nicht in Vergessenheit versunken und Gott hat sein schützendes Zeichen auf Kains Stirn gesetzt. Wird sich sein ruheloses Kind jemals daran erinnern?

Nico wirkte stets ganz präsent im Moment. Doch innerlich rumorte es ordentlich in ihm. Nod war ihm nicht fremd. Augenzwinkernd nannte er sich selbst einen Meister der Zerstreuung. Darunter verstand er weniger die offensichtlichen Ablenkungen wie Medien oder Smartphones. Auch wenn er klar zwischen Informationssucht und innerlichem Verstehen unterschied. Gefährlicher sah er Begeisterungen über die eigene Meinung, die schnell in Ideologien überschlugen. Die Spannungen innerhalb der Kirche und des Ordens zwischen den konservativen und den progressiven Kräften sah er als offensichtliche Zeichen unserer Zerstreuung. Ebenso kannte er die Versuchungen innerhalb der Sehnsucht der Ganzhingabe, die sich leicht in einen Perfektionismus, Narzissmus oder prophetischen Individualismus verirren konnte. Diese Formen des Egoismus trennen von einer intimen Beziehung mit Gott. Ihn suchte er in der Stille, in der er zwischen seinen Zerstreuungen die Stimme des guten Geistes lernte zu unterscheiden. Ihn trug er als Siegel seit seiner Firmung auf der Stirn. Übt die Stille! Hört auf den Geist! Wirkt im Moment! Schritt für Schritt zog Nico sein Leben lang fort von Nod hin nach Eden und nahm viele Freunde mit.

Nod ist uns allen nicht unbekannt. Wer begleitet uns nach Eden?