Ein Herz und eine Seele

Ruth Zenkert

Im Wissen um ein gemeinsames Ziel ist es eine Freude, die Unterschiede in der Religion, in den Geschlechtern, in den Völkern, in den Begabungen zu sehen.

 
Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir.
Joh 17,11b

 

Ogi schaut in jedem Klassenzimmer nach, ob die Fenster geschlossen sind, dann sperrt er zu. Die Musikschule ist für heute zu Ende, ich gehe mit ihm zum Gemeinschaftshaus. Dort kommen Kinder, Mitarbeiter, Volontäre und Freunde aus dem Dorf zum Abendgebet zusammen. Danach gibt es für alle ein Stück Pizza aus unserer Bäckerei. Ogi stammt aus Bulgarien, er ist ein Rom aus der türkischen Minderheit und ein begnadeter Geiger. Er unterrichtet unsere Roma-Kinder in Transsilvanien. Ihre gemeinsame Sprache ist die Musik – und Romanes. In kurzer Zeit hat er mit den begabtesten Kindern Musik-, Sing- und Tanzgruppen gebildet. Auf dem Weg reden wir über unsere Kinder. Wie können wir Ioana wieder zurückgewinnen? Sie ist begabt, aber sie fehlt seit Wochen. Gabi entwickelt sich wunderbar, sie sollte noch mehr gefördert werden. Nelu ist schwach, vielleicht hat er in der Trommlergruppe mehr Chancen. Über seine Schüler redet Ogi mit großer Liebe und Ehrfurcht. Er sieht in jedem Kind ein Geschöpf Gottes, dem er, Allah, die Begabungen gegeben und das Leben auf die Stirn geschrieben hat. Der Mensch muss nur lesen, was Gott ihm gibt, dann geht er den richtigen Weg. „Manche Kinder sind nicht für die Musik. Wenn sie lesen auf der Stirn, sie verstehen, was Allah schreibt. Und ist gut“, sagt er mir in seinem bulgarisch-rumänischen Deutsch, das er sich selbst angeeignet hat. Wir sind in der Kapelle angekommen, dort sind schon alle versammelt. Orthodoxe, Evangelikale, Katholiken – und Ogi, der Moslem. Wir danken für alles Gute und bitten für die Kranken. Jeder auf seine Weise. Ogi ist eins mit uns.

Jesus hat eine Schule gegründet. Aus den jungen Männern und Frauen, mit denen er durch Galiläa und nach Jerusalem zog, ist die christliche Kirche geworden. Im Blick auf seinen Abschied bringt er das Ziel seiner Gründung noch einmal in den Blick: „Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir.“ Jesus weiß, dass seine Gründung sich von anderen Schulen unterscheidet. Sogar von der Schule, aus der er selbst und seine Schüler kommen. Wissend um das Neue und um die Unterschiede der Formen ist das Ziel gemeinsam: Im Namen des Einen Gottes vereint zu sein und ihn nachzuahmen: „Seid heilig, wie ich heilig bin.“ (Lev 12) Gemeint ist damit, mitzuarbeiten an der Rettung der Welt, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Die neue Gründung soll das Christentum wie das Judentum zusammenhalten im Blick auf das Ziel, allen Menschen Gerechtigkeit zu verschaffen.
Mit Ogi, unserem muslimischen Musiklehrer, sind wir ein Herz und eine Seele. Uns verbindet das Ziel, Roma-Kindern durch Musik das Tor zu Selbstbewusstsein und Lust an einer Ausbildung zu öffnen. Wir beten sogar miteinander. Bei der Kommunion senkt Ogi den Kopf und bittet, dass ich ihm die Hände auflege.

Im Wissen um ein gemeinsames Ziel ist es eine Freude, die Unterschiede in der Religion, in den Geschlechtern, in den Völkern, in den Begabungen zu sehen.