Ein Hauch vom Stall in Betlehem

Georg Sporschill SJ

Der Traum, der Vernunft und Planung sprengt.

Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte.
Mt 1,24

Auf dem steinigen Feldweg kommt mir eine Pferdekutsche entgegen, so rasant, dass ich ausweichen muss. Die drei jungen Leute, die auf den Heuballen in der Kutsche sitzen, halten sich fest, um nicht hinausgeschleudert zu werden. Vergnügt winken sie mir zu und halten das Pferd an. Jetzt erkenne ich zwei, Bogdan und Ana. Sie sind die Jüngsten von neun Kindern einer Familie in Ziegental. Wenn der Vater betrunken war und alle verprügelt hatte, floh die Mutter mit allen in ein anderes Dorf. Und kam nach Wochen oder Monaten wieder zurück. Eines Tages nicht mehr. Oft fragte ich, ob jemand wisse, wo sie alle seien. Besonders Ana lag mir am Herzen, damals knapp zehn Jahre alt, eine herausragende Schülerin. Und jetzt sitzt die fünfzehnjährige hübsche Ana im Pferdewagen. Hast du die Schule fertig gemacht, frage ich sie. Ana schüttelt den Kopf. Durch das Hin- und Herziehen war das nicht mehr möglich. Und jetzt? Sie zeigt auf den Jungen neben ihr, Daniel. Bei ihm wohnt sie jetzt. Die Mutter ist mit einem anderen Mann weggegangen und hat ihr den Bruder Bogdan anvertraut. Bogdan führt jetzt das Pferd und macht kleine Geschäfte mit den Bauern. Ana, wie geht’s weiter mit dir? „Ich weiß es nicht, ich bin schwanger“, sagt sie. Mir stockt der Atem. Da ist kein Licht am Horizont. Die beste Schülerin aus Ziegental geht den gleichen Weg wie ihre Mutter. Die Kutsche setzt sich wieder in Bewegung und rappelt davon. Ana schaut noch lange zurück.
Das Schicksal von Ana geht mir nicht aus dem Sinn, und so besuche ich sie kurz darauf in ihrer Bleibe bei Daniel. Da wird gerade im Hof das Weihnachts-Schwein geschlachtet und ich bekomme ein Stück vom knorpeligen Ohr, roh, eine Spezialität! Kinder springen über den Hof, sie betteln um einen Streifen Haut. Die kleinen Hütten, die sich hier aneinanderreihen, schauen erbärmlich aus. Ana? Daniel? Die sind vor ein paar Tagen fort. In der Fremde, auf einer großen Farm hat er eine Arbeit gefunden, sagt die ältere Frau, während sie das Messer wetzt. Mit Ruth und Maria mache ich mich auf den Weg, um die beiden zu suchen. Eine Stunde Autofahrt, Telefonate, dann haben wir sie gefunden. Daniel führt uns in die verrauchte Kammer einer Baracke. Er arbeitet ohne freien Tag, morgens um vier muss er anfangen zu melken, 900 Kühe sind hier. Einen Arbeitsvertrag gibt es erst nach drei Monaten, vielleicht. Sie leben zusammengepfercht, wie Sklaven. Ana passt auf das Kind einer anderen Arbeiterin auf. Mit großen und traurigen Augen schaut sie mich an: Was soll ich machen?
Ich möchte sie aus der Fremde zurückholen. Ana muss die Schule abschließen, Daniel kann bei uns in der Tischlerei arbeiten. Weihnachten sollen beide in unserer kleinen Gemeinschaft verbringen.

Für diese Kinder haben wir noch keine Lösung, doch einen starken Traum. Und sie bringen uns einen Hauch vom Stall in Bethlehem. Maria, die Mutter von Jesus, war im Alter von Ana. Josef hat sie in Schutz genommen, gegen alle Vernunft folgte er dem Auftrag des Engels. In der Herberge haben sie keinen Platz, und die Flucht ist noch nicht zu Ende. Aber ein Licht strahlt über ihrer Gemeinschaft.
Das Licht des Erlösers wünsche ich euch, liebe Freunde, auch wenn wir dieses Jahr Weihnachten im kleinen Kreis und in mancher Unsicherheit feiern.