Ein harmloser Tanz schuf tiefe Missverständnisse

Ruth Zenkert

Ein Ereignis, eine Person – und jeder sieht sie anders.

Ihr seid gewohnt, dass ich euch am Paschafest einen Gefangenen freilasse. Wollt ihr also, dass ich euch den König der Juden freilasse?

Joh 18,39

Im Garten brannte ein Feuer, über dem ein paar Burschen Hühnerflügel grillten. Doch es goss in Strömen, ein wildes Gewitter tobte. Ein über die Feuerstelle gespanntes Tischtuch hielt nicht lange und ließ das Wasser auf die Hühner rinnen. Schließlich aber war das Fleisch doch gar; völlig durchnässt liefen die Köche ins Haus. Die triefenden Pullover wurden an den Ofen gehängt. Mit den Hühnern, Bier und Orangensaft waren wir zu P. Calin, dem orthodoxen Pfarrer im Dorf, angerückt, um seinen Geburtstag zu feiern. In der großen Küche des Pfarrhauses wurde es schnell warm und gemütlich. Gabi, die Hausfrau, legte noch Hackfleischröllchen auf die Herdplatte. Bald waren alle satt, und die Jugend machte Musik. Da kam die Nachbarin mit ihrer Ziege, die sie gerade zum Fressen am Wegrand spazieren führte, und schrie, sie werde Anzeige erstatten: Zigeunermusik aus dem Pfarrhaus – das sei ungehörig und verboten! Nachdem Gabi ihr einen Hühnerflügel gebracht hatte, nahm sie ihre Drohung zurück. Fröhlich tanzten wir um den Küchentisch, nur Andrea saß mit gelangweiltem Blick auf ihrem Hocker. Ich nahm sie an der Hand und zog sie zu den Tänzern, wo P. Calin sie übernahm und elegant im Kreis schwenkte. Plötzlich packte Pavel sein Saxophon ein und ging. Ich folgte ihm. „Andrea ist meine Partnerin und es geht nicht, dass sie mit einem anderen Mann tanzt!“ Pavel war tief gekränkt. Als Roma erschien es ihm unmöglich, dass seine Freundin, die er bald heiraten will, mit einem anderen tanzte. Es gelang mir, ihn zum Zurückkehren zu bewegen. Andrea winkten wir von der Tanzfläche weg, sie setzte sich auf ihren Hocker, und das Fest ging weiter. Dann wünschte P. Calin einen Tango. Er nahm seine Frau Gabi und führte sie mit ausgestrecktem Arm und weit ausholendem Schritt. Er ahnte nicht, dass er durch seinen harmlosen Tanz mit Andrea Pavel so sehr gekränkt hatte.

Die einsame Nachbarin hört Musik und ist empört, letztlich darüber, dass sie nicht eingeladen wurde. Pavel deutet den Tanz der Freundin als Untreue. P. Calin, der orthodoxe Pfarrer, doppelt so alt wie das junge Mädchen, glücklich verheiratet, will das Mädchen, das in der Ecke saß, in den fröhlichen Tanz hineinnehmen.

Unterschiedliche Auffassungen schufen Missverständnisse. Wie im Prozess Jesu. Für die jüdischen Religionsführer war es eine Überforderung, dass Jesus der Sohn Gottes sein sollte. Sie mussten diesen Unruhestifter ruhigstellen. Pilatus fragte ihn mehrmals: „Bist du der König der Juden?“ Ein König, der nicht vom Kaiser in Rom eingesetzt war, war gefährlich und musste hingerichtet werden. Nicht zuletzt, damit er selbst in der Funktion des Statthalters keine Probleme mit den Obrigkeiten bekam. Und Jesus? Er bezeichnet sich als König der Juden. Darauf besteht er, obwohl es ihn das Leben kostet. Obwohl er weiß, dass Pilatus gar nicht verstehen kann, was er damit meint; dass sein Königtum weltumfassend ist, viel größer als das des Kaisers in Rom. Dass er keine Heere und Magistrate braucht, um zu regieren.

Ein Ereignis, eine Person – und jeder sieht sie anders.