Ein gutes Auge

Josef Steiner

Gott schaut auf die Menschen – zu Weihnachten besonders.

Gott sah, dass es gut war.

Gen 1,21

Kindheitserinnerungen. Am Beginn der Adventszeit bekam jedes von uns dreizehn Kindern eine gereinigte, gewellte kleine Holzschindel als persönliches Krippelein. Immer wenn wir etwas Gutes taten – nicht Streiten, nicht Lügen, auf Süßigkeiten Verzichten oder beim abendlichen Rosenkranz nicht Einschlafen –, durften wir in die symbolische Krippe einen Strohhalm legen, um so dem Christkind ein warmes und weiches Bett vorzubereiten. Ein Adventskalender der besonderen Art.

Am Vormittag des Heiligen Abends wurden wir – normalerweise ein wilder Haufen – angehalten, auf alles, was Lärm machte, zu verzichten, um das noch schlafende Christkind nicht zu wecken. Alles Schreien, Raufen, Fluchen, selbst Husten sollen wir vermeiden. Eine kluge pädagogische Maßnahme, um zumindest für ein paar Stunden im Haus etwas Ruhe und Stille zu schaffen.

Am Abend zog dann die gesamte Hausgemeinschaft prozessionsartig durch das Haus. Voran der Vater, eine alte gusseiserne Pfanne schwingend, in der glühende Kohlen getrocknete Kräuter und Weihrauchkörner verbrannten. Zimmer für Zimmer, Gang für Gang, Ecke für Ecke wurden „ausgeräuchert“. Selbst in den Heustadel wagte sich der Vater. Er der sonst eindringlich vor allem Zündeln und mit dem Feuer Spielen in der Nähe des Stadels warnte, schwang die Pfanne, Funken sprühten. Aber die geweihten Kräuter und das Weihwasser, das wir hinterher spritzen, würden in dieser Nacht den Feuerteufel schon in die Schranken weisen. Wohnhaus und Wirtschaftshaus, von Rauchschwaden und besonderem Duft durchzogen, waren an diesem Abend von allen bösen Geistern gereinigt.

Um elf Uhr in der Nacht wurden wir aus dem Schlaf gerissen und zur Christmette in die Dorfkirche geschickt. Eine halbe Stunde Weg, meist war es bitterkalt, der gefrorene Schnee knirschte unter den Füßen. Dann eineinhalb Stunden Singen, Beten, Zuhören in der Kirche. Alles war leicht auszuhalten, denn das Christkind kam bei uns erst nach der Mitternachtsmesse. Selten liefen wir so schnell nach Hause wie in dieser Nacht. Die Wohnstube war mit Geschenken übersät, das Suchen begann. Es waren meistens kleine praktische Dinge, von Tanten gestrickte Socken, Mützen und Handschuhe, kleine Spielsachen und Süßigkeiten aus dem Gemischtwarengeschäft des Dorfes – die drei Pflegekinder kamen von dort.

Wenn wir Buben dann, zu viert in einer engen Kammer auf unseren Strohsäcken sitzend, die von der Mutter gebackenen einfachen Kekse und ein paar Süßigkeiten verzehrten, war alles gut. Schöne Weihnachten. Nur einmal verweinte ich den Rest der Nacht. Mein zwei Jahre älterer Bruder hatte seine ersten Schi bekommen, ich einen Spielesel mit eingebauter mechanischer Feder. Wenn man sie aufzog, wedelte der Esel mit dem Schwanz. Kindheitserinnerungen.

Gott blickt in diesen weihnachtlichen Tagen auf ein gewaltiges Lichtermeer, auf geschmückte Häuser und Wohnzimmer, auf eine beeindruckende Geschenkkultur, auf eine Flut von Grußkarten, Briefen und Segenswünschen. Er sieht, dass es gut ist. Mit seiner Schöpfung, mit seinem Volk Israel, mit seinem Messias Jesus aus Nazareth ist ihm etwas Großes gelungen. Alle Welt schaut nun Gottes Heil.