Ein freier Vogel reizt den Tiger im goldenen Käfig

Ruth Zenkert

Kriecher langweilen den Mächtigen. Der Freie aber provoziert ihn. Wen provozierst du, weil du unabhängig bist?

Die Soldaten stellten sich vor ihn hin und sagten: Heil dir, König der Juden! Und sie schlugen ihm ins Gesicht.

Joh 19,3

Ein Bildhauer und ein Geschäftsmann – es sollte eine spannende Beziehung sein, weil sie einander viel zu geben hatten. Der Geschäftsmann hatte eine neue Wohnanlage errichten lassen, der Bildhauer sollte den zentralen Begegnungspunkt gestalten. Bald aber kam es zu Spannungen, weil der Geschäftsmann sich daran gewöhnt hatte, dass alle vor ihm krochen, wegen seines Reichtums, seines Jähzorns, aus Angst um Arbeitsplatz oder Aufträge. Der Machtmensch verstand es gekonnt, die Abhängigen antreten zu lassen. Widerrede erhielt er schon lange nicht mehr, nicht einmal zu fragen wagte seine Umgebung. Umso mehr reizte ihn der Künstler, weil er in ihm Unabhängigkeit, geistige Tiefe spürte. Er strahlte etwas aus, was den Mächtigen faszinierte. Doch nun erwies es sich, dass diese Unabhängigkeit auch ihm gegenüber galt. Der Bildhauer weigerte sich, jede unausgegorene Idee des Tycoons widerspruchslos umzusetzen und als bloßer Befehlsempfänger zu dienen. Er pochte auf seine künstlerische Freiheit. Welche Frechheit! Als eines seiner bewährten Mittel setzte der Geschäftsmann sein Gebrüll ein, das die Gegenüber sonst immer betreten zum Schweigen brachte. Der Künstler aber fragte ruhig: Warum schreien Sie mit mir? In einem letzten Aufbäumen schrieb der Geschäftsmann einen Brief, in dem er sich alle Aggression von der Seele kotzte und den unabhängigen Geist wüst beschimpfte. Wut und verbale Prügel für einen, in dem er doch etwas Großes ahnte. Was hatte den Geschäftsmann so gereizt?

Gereizt hat auch Jesus seine Zeitgenossen. Sein Anblick provozierte die religiösen Anführer, Pilatus, die Soldaten. Vor ihnen, den Mächtigen, stand der Angeklagte. Sie nannten ihn König und verspotteten ihn als solchen. Doch aus den Augen des gefesselten Jesus strahlte eine Freiheit, die sie faszinierte und zugleich überforderte. Die bewaffneten Soldaten wurden von ihm gleichsam in Bann geschlagen. Sie verloren ihre Souveränität und schlugen ihm ins Gesicht.

Als Jesus starb, drückte der Hauptmann aus, was er spürte: „Das war wirklich ein gerechter Mensch“ (Lk 23,47). Später sollte Jesus vielen Menschen aus dem Römischen Reich einen freien Geist schenken. Denen, die weltlich gesehen alles besaßen, und denen, die versklavt und geistlos leben mussten. Durch sein Leben und seinen Tod hatte Jesus, der König der Juden, allen Völkern das Tor zu einem Leben in Gerechtigkeit und Unabhängigkeit von weltlichen Fesseln geöffnet. Denen, die ihn misshandelten, gab Jesus ein neues Gesicht. Aus entwürdigten Sklaven wurden Gottes Söhne.

Wahrscheinlich kann der Geschäftsmann nie Freund mit dem Künstler werden. Der freie Vogel reizt den Tiger, der im goldenen Käfig sitzt. Der Mächtige will heraus und kann es nicht. Kriecher langweilen ihn, der Freie aber provoziert ihn. Das ist sein ganz besonderer Kerker. Wen provozierst du, weil du unabhängig bist? Welchen freien Menschen kennst du?